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„Ich stelle eine unglaubliche Aufbruchstimmung fest“

Ist das Klima noch zu retten? Im Interview spricht der Meteorologe Frank Böttcher über die Zukunft des Planeten, über den menschengemachten Klimawandel und dessen Folgen. Aber auch, wie er noch zu stoppen ist – und welche Rolle die Wirtschaft spielt.

Lesedauer: 7 Minuten

e-GoNews: Herr Böttcher, die wichtigste Frage vorweg: Ist das Klima noch zu retten?
Frank Böttcher:
Da wir die Physik im Klimasystem schon sehr gut verstanden haben, wissen wir auch sehr gut, was nötig wäre, damit das Klimasystem in einem Korridor bleibt, in dem die Auswirkungen händelbar sind. Die gute Nachricht: Wir haben es selbst in der Hand.

e-GoNews: Klingt gut. Und was müssen wir dafür jetzt tun?
Böttcher:
Wir müssen die auf Kohlenstoff basierenden Emissionen bis 2050 weltweit auf Null bringen und danach beginnen, mehr Treibhausgase aus der Atmosphäre zu ziehen, als wir hineingeben.

Warum der Klimawandel eine menschengemachte Krise ist

e-GoNews: Ehrlich gesagt: Das wissen wir nicht erst seit gestern. Warum wird nicht gehandelt?
Böttcher:
Es fehlt nach wie vor an politisch wirksamen Rahmenbedingungen und es werden zu viele Debatten über Themen geführt, die eher gering in der Wirkung sind, aber von den wirklich wichtigen Themen ablenken. Nehmen wir das Beispiel Straßenverkehr: Statt große Energie in die Schaffung eines Tempolimits in Deutschland zu stecken – das bringt nämlich kaum was fürs Klima – wäre es viel wirkungsvoller, eine Wasserstoffinfrastruktur aufzubauen und Fahrzeuge zu fördern. Nicht jeder muss das Gefühl haben, er oder sie müsse die Welt allein retten. Es wäre schon viel erreicht, wenn Produkte, die unserer Lebensgrundlage schaden, teurer sind, als Produkte, die das nicht tun. Das geht mit Bioprodukten los und endet bei Waren, die über den halben Planeten transportiert werden. Wenn alle Menschen alle Waren überall zur Verfügung haben wollen, wird das unsere Lebensgrundlage zu Nichte machen.

e-GoNews: Um das klar zu sagen: Der Mensch ist für den Klimawandel verantwortlich?
Böttcher: Ganz eindeutig: ja. Je mehr Treibhausgase in die Atmosphäre gelangen, desto stärker steigen die Temperaturen. Kohlendioxid ist ein solches Treibhausgas. Und der neue Report des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPPC) belegt eindeutig, dass ausschließlich der Mensch als Quelle für das zusätzliche CO2 in Frage kommt. Damit sind wir zweifelsfrei die Verursacher des Klimawandels.

"Die Lage erfordert unser Handeln. Es ist aber wichtig, dass wir dieser Aufgabe nicht mit Angst begegnen." Frank Böttcher, Meteorologe und Klimaexperte
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e-GoNews: Was passiert, wenn wir jetzt nicht entschlossen gegensteuern?
Böttcher:
Die 1,5 Grad-Grenze aus dem Pariser Klimaabkommen werden wir in jedem Fall reißen – und das bedeutet gleichsam: die Unbewohnbarkeit und Überschwemmung sehr vieler Südseeinseln, eine Zunahme an Dürren, Hitzewellen, Starkregen und eine Verstärkung der tropischen Stürme wie Hurrikane. Auch das Zwei-Grad-Ziel werden wir ziemlich sicher reißen. Dann kommen zahlreiche Kaskadeneffekte in Gang, die den Temperaturanstieg und damit auch den Anstieg der Meeresspiegel enorm beschleunigen: Gletscher schmelzen dann rapide, die Gefahr von Bergabbrüchen nimmt zu, Küstenregionen müssen sich gegen Fluten erheblich besser schützen und Hochwasserschutz im Binnenland wird ein Riesenthema. Noch gefährlich wird es oberhalb der 3,5-Grad-Grenze – und zwar für die gesamte Menschheit. Das sollten wir auf jeden Fall verhindern. Ab diesem Wert bekommen wir massive Probleme mit der globalen Landwirtschaft und damit in der Versorgung der Menschen mit Lebensmitteln.

Klimaschutz und Wohlstand – wie passt das zusammen?

e-GoNews: Hand aufs Herz: Wie ernst ist die Lage?
Böttcher:
Die Lage erfordert unser Handeln. Es ist aber wichtig, dass wir dieser Aufgabe nicht mit Angst begegnen. Ich erlebe immer wieder Menschen mit tiefen Zukunftsängsten. Sie nehmen die Lage als nicht beherrschbar wahr. Nun ist es aber so, dass niemand gerne Angst oder Perspektivlosigkeit erleben möchte. Wenn Populisten eine andere Realität vorschlagen, in der keine Angst mehr nötig ist, dann verfängt das. Die ständige Verwendung des Wortes ‚Klimakrise’ macht die Menschen offener für Populisten. Es ist jedoch gar keine Angst nötig. Wir können die Veränderungen noch beherrschen und den Transformationsprozess gestalten.

e-GoNews: Sehen Sie uns da auf einem gute Weg?
Böttcher:
Meiner Wahrnehmung nach passiert gerade jetzt sehr viel. In den Gesprächen, die ich im ganzen Land mit einer Vielzahl von Entscheidern führe, stelle ich eine unglaubliche Aufbruchsstimmung fest.

e-GoNews: Auf der anderen Seite klagen die Leute, dass Klimaschutz zu Lasten der Wirtschaft geht und unseren Wohlstand gefährdet. Was sagen Sie diesen Menschen?
Böttcher: Dass das nicht stimmt. Sondern sogar das Gegenteil der Fall ist. Klimaschutz und diese äußeren Umstände sind schon längst zu einer treibenden Kraft für Innovationen und Investitionen geworden. Neue Märkte entstehen, neue Produkte und neue Dienstleistungen. Sie finden als Unternehmen ja heute schon kaum noch Mitarbeitende, wenn sie sich diesem Transformationsprozess entziehen. Auch nachhaltige Geldanlage bringt inzwischen mindestens so viel Rendite wie die klassischen Anlagestrategien. Was ist passiert? Die kritische Masse ist überschritten. Jetzt geht es darum, wer die neuen Märkte entdeckt, kreiert, gestaltet und besetzt. Weite Teile der Wirtschaft haben das verstanden. Deshalb wird uns der Klimawandel den größten Entwicklungsschub bringen, den die Menschheit erlebt hat.

Warum wir den Klimawandel doch noch verhindern

e-GoNews: Die Gothaer hat eine Stiftung für Nachhaltigkeit gegründet, verfolgt ESG-Strategien (Environment, Social, Governance) bei der Kapitalanlage, ist unter Versicherern einer der größten Investoren in Erneuerbare Energien und war einer der ersten Versicherer von ebendiesen Anlagen. Ist dieser Einsatz lohnenswert?
Böttcher: Wäre ich Mitglied im Vorstand oder Aufsichtsrat, ich hätte keinen anderen Kurs empfohlen.

e-GoNews: Zurück zur Eingangsfrage: Schaffen wir es, das Klima zu retten?
Böttcher: Ich bin davon überzeugt, dass wir unsere Lebensgrundlage nicht verlieren werden. Bisher war die Gefahr zu klein. Jetzt ist sie für jeden konkret zu spüren. Also werden wir gemeinsam handeln.

Zur Person

... Frank Böttcher, 53, ist Meteorologe, Speaker, Buchautor, Moderator. Er moderierte das Wetter unter anderem für das NDR-Fernsehen und den Onlinedienst wetter.net. Seit 2019 führt er das Forschungsinstitut boettcher.science.

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