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Wenn die Natur zurückschlägt

Unwetter „Bernd“ hat schmerzlich in Erinnerung gerufen: der Klimawandel hat weitreichende Auswirkungen – oft auch mit katastrophalen Auswirkungen für das Hab und Gut von Menschen. Sind extreme Wetterlagen dauerhaft versicherbar? Und macht eine Pflichtversicherung Sinn?

Lesedauer: 10 Minuten
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urch Straßen treibende Hochseecontainer, von den Fluten weggerissene Häuser: Wer Mitte Juli den Fernseher einschaltete, bekam Bilder zu sehen, wie man sie eigentlich nur aus der Regenzeit in Indien oder auf den Philippinen zu kennen glaubte. Dass es einmal die Eifel treffen würde – und dann so unvermittelt? Nur die wenigsten dürften damit gerechnet haben. Das Hochwasser war eine humanitäre Katastrophe ohne Gleichen. Zusammen mit den Hagelschäden im Frühsommer macht die Flutkatastrophe 2021 schon jetzt zum teuersten Jahr für die Versicherungsbranche überhaupt. Mit zuletzt geschätzten sieben Milliarden Euro versicherten Schäden lässt das Ereignis alle bisherigen Schadenereignisse weit hinter sich.

Was immer klarer wird: Der Klimawandel rüttelt am Fundament des versicherungswirtschaftlichen Geschäftsmodells, indem die Bepreisung von Risiken komplizierter wird und immer schneller angepasst werden muss. Gleichzeitig sieht die Öffentlichkeit anlässlich der schockierenden Bilder schnell die private Versicherungswirtschaft in der Pflicht.

Ist eine Pflichtversicherung die Lösung?

Wie so oft in den vergangenen Jahren dauerte es auch diesmal nicht lange, bis erste Rufe nach einer verpflichtenden Elementarschadenabsicherung für Wohnhäuser laut wurden. Zu wenige Häuser seien derzeit versichert. Zu viele Häuser seien nicht oder nur zu sehr teuren Konditionen versicherbar.

Ist eine obligatorische Absicherung also die Lösung für alle Probleme? Eine Mehrheit der Bevölkerung scheint dafür – und auch Verbraucherschutzorganisationen sprechen sich für die Pflichtversicherung aus, die letztlich fairer sei als staatliche Ad-hoc-Hilfen, die auch jetzt wieder für Unversicherte eingerichtet würden. Wenn man es böse ausdrücken möchte, zahlen Steuerzahlerinnen und Steuerzahler, die im sechsten Stock eines Mietshauses wohnen, für die Familie mit, die zehn Jahre lang den Flussblick genossen hat, bevor sie die Flut traf. Weiteres Manko der Staatshilfen: Die Bereitschaft der politisch Verantwortlichen, Hilfsfonds aufzulegen, korreliert sehr stark mit anstehenden Wahlterminen – was das Ganze noch unfairer erscheinen lässt.

„ZÜRS Geo”

Um das Risiko für die jeweilige Region einschätzen zu können, haben die deutschen Versicherer das Zonierungssystem für Überschwemmung, Rückstau und Starkregen „ZÜRS Geo“ entwickelt. Mit dem System können darüber hinaus auch Umweltrisiken eingeschätzt werden.

Diese Informationen helfen den Versicherern bei der Kalkulation des Versicherungsbeitrags der Elementarschadenversicherung. In das System wurden insgesamt über 22 Millionen Adressen eingespeist. Je nachdem wie hoch das Überschwemmungsrisiko ist, wird jede Adresse einer der vier Gefährdungsklassen zugeordnet.

Ein Kritikpunkt an einem Obligatorium ist die Gefahr, dass – ist erst einmal jedes Haus pflichtversichert – der Anreiz für Eigentümerinnen und Eigentümer wegfällt, ihre Immobilie selbst zu schützen oder bereits beim Bau darauf zu achten, wo die Risiken ausreichend niedrig sind. Die Theorie: Lassen sich Schäden über ein ausreichend großes Versichertenkollektiv ausgleichen, geht der Anreiz verloren, privat gegen die Folgen von Naturereignissen vorzubeugen. Häuser werden eher in Gefahrenlagen gebaut, bauliche Maßnahmen zum Schutz des Eigentums werden aufgeschoben. Selbst verfassungsrechtliche bis philosophische Überlegungen werden in die Waagschale geworfen: Ist eine Pflicht, das eigene Eigentum zu sichern, überhaupt legitim und legal? Während es schließlich bei der vorgeschriebenen Kfz-Haftpflichtversicherung um den Schutz Dritter geht, wäre eine Pflicht zur Absicherung der eigenen Habe in Deutschland rechtliches Neuland.

Zeit für einen Faktencheck. Korrekt ist: Die Anzahl der versicherten Immobilien ist viel zu niedrig. Nach Angaben des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) sind nur 46 Prozent aller Privathäuser gegen Schäden durch Naturgefahren wie Hochwasser und Überschwemmung versichert sind. Dabei sind die regionalen Unterschiede enorm: Während in Baden-Württemberg 94 Prozent der Gebäude umfassend gegen Naturgefahren versichert sind, sind es in Bremen gerade einmal 23 Prozent.

Die hohe Versicherungsdichte in Baden-Württemberg hat übrigens historische Gründe: Bis zum Jahr 1993 bestand hier eine Versicherungspflicht gegen Elementarschäden. „In der Abdeckung von Elementarschäden ist noch reichlich Luft nach oben“, sagt auch Jörg Asmussen, Hauptgeschäftsführer beim GDV. 99 Prozent der Gebäude in Deutschland seien gegen Elementarschäden versicherbar. Beim verbleibenden einen Prozent der Immobilien ließe sich zum großen Teil der Schutz durch hohe Selbstbehalte realisieren.

Elementarversicherung ist preiswerter als ein Netflix-Abo

Was aber bringt die Möglichkeit zur Absicherung, wenn sie für viele Hausbesitzende schlicht unerschwinglich ist? „Eine Elementarschaden-Versicherung kostet in ZÜRS 1 rund 100 bis 150 Euro im Jahr“, so Asmussen. „Wenn man überlegt, was Menschen für eine Kfz-Versicherung zahlen, ist das relativ wenig – zumal das Haus der Lebensmittelpunkt für die Familie ist.“ Mit dem Mythos der zu teuren Versicherung räumt auch die der Assekuranz sonst eher kritisch gegenüberstehende Stiftung Warentest auf. Abgefragt wurden Angebote für zwei Modellhäuser, die beide in ZÜRS 1 liegen und somit mehr als 90 Prozent aller Häuser in Deutschland repräsentieren. Auch hier war das Ergebnis: Für Neubauten kostet die ergänzende Elementarversicherung im Schnitt weniger als hundert Euro im Jahr. Das ist weniger als ein Kabelanschluss oder ein Netflix-Abo kostet.

Selbst im von Bernd besonders hart betroffenen Ahrtal lässt sich die Aussage des GDV-Geschäftsführers bestätigen: In der direkt am Ahr-Ufer gelegenen Ahrstraße, also dem aktuellen Überschwemmungsgebiet, wären die Mehrkosten mit 140 Euro jährlich (siehe Prämienbeispiel) durchaus überschaubar.

Vertrieb im Fokus: Was ist bei der Beratung zu beachten?

Letztlich ist hier also der Vertrieb gefragt, der seine Kundinnen und Kunden für das Thema sensibilisieren und die Kosten in Relation zum Risiko setzen muss. GDV-Geschäftsführer Asmussen hält eine Marktdurchdringung von 80 bis 90 Prozent für nötig – und mit Unterstützung durch die qualifizierten Beraterinnen und Berater vor Ort auch für machbar. Vermittlerinnen und Vermittler können zum Beispiel die aktuelle Situation als Beratungsanlass und Vertriebschance nutzen – und sich selbst rechtlich absichern. Stichwort Beratungspflicht: Vor allem Hausbesitzende mit alten Verträgen sollte dazu geraten werden, ihren Versicherungsschutz zu überprüfen. Denn alte Wohngebäudeversicherungen enthalten besonders oft keinen Elementarschutz.

Generell ist bei der Beratung zum Thema Elementargefahren Expertise gefragt. Aspekte wie Totalschäden und Unterversicherung sind bei Flutkatastrophen viel häufiger als bei ‚normalen‘ Schäden der Fall – und sollten dringend bei Kundinnen und Kunden adressiert und überprüft werden. Unternehmenskunden hingegen denken häufig nicht unbedingt von alleine an Umsatzausfälle und die Kosten, die durch Betriebsunterbrechungen entstehen und schnell ruinöse Höhen erreichen können. Branchenfachleute sehen dementsprechend die Beratenden an vorderster Front in der Pflicht.

Prämienbeispiel Gewerbliche Gebäudeversicherung der Gothaer

Immobilie im Überschwemmungsgebiet Ahrtal – mit und ohne Elementarschadenversicherung

Risiko-Ort: Schuld

Versicherungssumme: 250.000 Euro – Neubau im Jahr 2020
Versicherte-Gefahren: Feuer, Leitungswasser, Sturm, Glas, mit/ohne Elementarschadenversicherung
Schadenfreiheits-System: nein
Jahresbeitrag inklusive Elementar 462,33 Euro - inklusive Versicherungssteuer
Jahresbeitrag ohne Elementar 322,25 Euro - inklusive Versicherungssteuer

Jeder, der im Versicherungsvertrieb tätig ist, sollte sich der Risiken bewusst sein: Wenn Opfer der Flutkatastrophe keine Elementarschadenversicherung haben, können sie ihre Beraterin und ihren Berater unter Umständen in Haftung nehmen. Denn diese müssen Deckungsrisiken finden, dazu entsprechend beraten und dies lückenlos dokumentieren. Eine fehlende oder fehlerhafte Dokumentation kann Vermittlerinnen und Vermittler also in arge Bedrängnis bringen.

Im konkreten Beispiel bedeutet das: Versicherungsmaklerinnen und -makler müssen ihre Kundinnen und Kunden auf die Risiken einer fehlenden Elementarschadensdeckung aktiv hinweisen. Sollte tatsächlich keine Deckung möglich sein, sollte geprüft werden, ob zumindest eine Teildeckung oder wie oben beschrieben ein sehr hoher Selbstbehalt in Frage kommt. Hinzu kommt die Notwendigkeit, die bestehende Absicherung regelmäßig zu überprüfen und gegebenenfalls die Versicherungssummen anzupassen. Denn im Falle eines Totalverlusts machen sich Wertsteigerungen, die peu à peu oder durch gezielte Renovierungs- und Modernisierungsarbeiten entstanden sind, in Form von Unterversicherung bemerkbar. Dabei muss jedem klar sein: Hier handelt es sich um die Pflicht – und nicht um eine Kür.

Die korrekte Beratung ist nicht nur Service an Versicherten und ein Instrument der Kundenbindung, sondern gerade auch in Bezug auf die Maklerhaftung ein sehr wichtiges Thema. Die Absicherung von Elementargefahren gehöre in jedes Beratungsgespräch zum Thema Immobilienschutz und Hausrat, empfiehlt auch Dr. Peter Schmidt, der seit Jahren Menschen im Versicherungsvertrieb unternehmerisch berät. Wählen Versicherte die empfohlene Elementarabsicherung ausdrücklich ab, sei dringend geraten, dies in der Beratungsdokumentation explizit festzuhalten.

Versicherer können die steigenden Risiken des Klimawandels nicht alleine schultern

Alles gut also durch mehr Beratung und verkaufte Policen? Fachleute wie Assekurata-Chef Dr. Reiner Will weisen darüber hinaus darauf hin, dass auch eine umfassendere oder weiter verbreitete Absicherung – ob Pflicht oder freiwillig – angesichts des Klimawandels keine dauerhafte Lösung sein kann. Ohne Rückbau, mehr Abstand und weniger Verdichtung könne die Transformation in Richtung eines besseren Gebäudeschutzes nicht gelingen. In Kopenhagen seien 2019 beispielsweise fast 600 Bäume gepflanzt worden, zu denen bei Starkregen das Wasser geleitet wird, um langsam versickern zu können. Eine Erkenntnis der jüngsten Katastrophe sei nämlich, dass man weitgehend chancenlos war, weil die betroffenen Gebiete generell zu bebaut und die Böden zu großflächig versiegelt waren.

Auch der weltgrößte Rückversicherer Munich Re sieht Kommunen und Politik in der Verantwortung, für mehr Schutz vor Hochwasser zu sorgen. Die öffentliche Hand müsse die Infrastruktur systematisch an die Veränderungen in der Natur durch den Klimawandel anpassen – etwa durch die Renaturierung von Bächen, um fließenden Gewässern bei Starkregen mehr Freiraum zu geben.

Die Kommunen müssten hier auch im ureigensten Interesse handeln: Wer sich nicht mittelfristig fit macht und Maßnahmen zur Abwehr von mit dem Klimawandel verbundenen Risiken ergreift, wird als Kommune oder Landkreis die Folgen auch im Budget schmerzlich bemerken. Betriebe, die zum Beispiel wegen Bernd in den Überschwemmungsgebieten alles verloren haben, dürften konkreter als je zuvor über einen Standortwechsel nachdenken. Der Wegfall von Gewerbesteuereinnahmen könnte dann für manche Stadtkasse nur schwer zu verkraften sein.

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