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„Einfamilienhäuser mitten in der Stadt auszuweisen, wäre völlig irre“

Der Wohnraum in Ballungsräume wird immer knapper und teurer. Prof. Dr. Ulrike Scherzer, Architektin und Soziologin, kennt die Konzepte, die diese Probleme lösen – und das Zusammenleben grundlegend verändern.

Lesedauer: 11 Minuten

e-GoNews: Frau Prof. Dr. Scherzer, wo leben wir in Zukunft – in der Stadt oder auf dem Land?
Prof. Dr. Ulrike Scherzer: Schon heute leben mehr als drei Viertel aller Menschen in Deutschland in Städten. Und es werden jedes Jahr mehr. Trotz Corona hält der Zuzug an.

e-GoNews: Es heißt, viele Menschen hätte es durch die Pandemie aufs Land gezogen, weil die Nähe zum Arbeitsplatz durch mobiles Arbeiten nicht mehr so entscheidend ist.
Scherzer: Ich denke, hier muss man differenzieren. Es gibt das Land im Umland von Boom-Towns. Das profitiert erheblich davon, dass die Leute gerne noch ein Stück weiter raus ziehen, um da mehr Ruhe, mehr Grün, weniger Kosten zu haben. Außerdem ist die Infrastruktur dort noch recht gut und wer will, ist schnell wieder in der Innenstadt. Aber dann gibt es natürlich Regionen auf dem Land, wo selbst die Städte schon leerlaufen – und die Dörfer erst recht. Und weil es dort oft keine Perspektive mehr gibt, kehren junge Menschen auch nicht zurück.

„Wer in Metropolen leben will, muss sich mit weniger Fläche arrangieren.“ Prof. Dr. Ulrike Scherzer, Architektin und Wohnsoziologin
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e-GoNews: Die Dörfer laufen leer, die Metropolen voll. Aber da wird der Platz immer knapper. Wo sollen die Menschen alle hin?
Scherzer: Die Städte müssen intelligent verdichten. Hamburg zum Beispiel macht das sehr gut. Hier verfolgen Stadt und Wohnungswirtschaft gemeinsam das Ziel, jedes Jahr 10.000 Wohnungen zu genehmigen. Das ist die Menge, die man schaffen muss, um dem Mangel zu begegnen. Außerdem ist es gut, dass man die Innen- vor der Außenentwicklung sieht, also die Stadt nicht an den Rändern ausfransen lässt, sondern schaut: Welche Potenziale liegen noch in der Nachverdichtung? Das spart Platz in der Fläche und ist deshalb auch ökologisch sinnvoll.

Warum sich Wohnformen verändern müssen

e-GoNews: Ebenfalls in Hamburg hat der Bezirk Nord entschieden, in Bebauungsplänen keine Einfamilienhäuser mehr vorzusehen, und damit eine Debatte ausgelöst. Zu recht?
Scherzer: Ich finde das konsequent. Es ist der typische Wunsch eines Ottonormalbürgers: Ich möchte in einem Einfamilienhaus mit Garten leben. Aber ich glaube, man muss ihm erklären, dass das mitten in der Stadt einfach nicht mehr geht. Früher war das gang und gäbe, aber aus heutiger Sicht wäre es völlig irre, Einfamilienhausgebiete mitten in der Stadt auszuweisen.

Traum vieler Familien: Ein Eigenheim mit Garten.
Viel Grün, viel Wohnraum: Quartierslösungen in der Stadt.

e-GoNews: Auch deshalb bewohnt jeder Mensch hierzulande heute im Schnitt mehr als 45 Quadratmeter. Ist das noch angemessen?
Scherzer: Das ist das Phänomen eines gestiegenen Wohlstandes: Man konnte sich das leisten. Aber weil die Preise steigen, gilt das heute immer weniger. Das führt übrigens zu absurden Situationen: Viele alte Menschen leben in viel zu großen Wohnungen, die sie vor Jahrzehnten günstig gemietet haben. Für sie wäre es teurer, in eine kleinere Wohnung zu ziehen. Auf der anderen Seite gibt es Familien, die den Platz dringend brauchen, aber keine Wohnung finden.

e-GoNews: Wie löst man dieses Problem?
Scherzer: In der Schweiz gibt es Genossenschaften, die sehr aktives Umzugsmanagement betreiben. Die ermutigen ältere Leute zum Umziehen in eine kleinere und günstigere Wohnung und vermitteln die großen Wohnungen an junge Familien. Das ist nicht einfach, denn alte Menschen wollen nicht aus ihrem Umfeld gerissen werden. Daher zielen diese Konzepte darauf ab, dass sie in ihren Quartieren bleiben können.

Wie wir in Zukunft mit Platzmangel in der Stadt umgehen

e-GoNews: An der Wohnfläche ändert sich dadurch nichts, sie wird nur anders genutzt. Reicht das schon aus?
Scherzer: Nein, das ist sicher nur ein Teil der Lösung. Grundsätzlich gilt: Wer in Metropolen leben will, muss sich mit weniger Fläche arrangieren. Und zwar meist nicht nur aus der Einsicht heraus, dass es ökologisch sinnvoll ist, sondern auch einfach aus finanziellen Gründen. Das erklärt zum Beispiel auch, warum Gemeinschaftswohnprojekte immer beliebter werden.

Zur Person

Prof. Dr. Ulrike Scherzer, 60, hat Architektur studiert und sich in ihrer Dissertation mit Mehrgenerationenwohnprojekten beschäftigt. Heute ist sie Honorarprofessorin im Bereich Architektur und Stadtplanung am Institut für Wohnen und Entwerfen an der Universität Stuttgart. Scherzer ist verheiratet, hat zwei Töchter und wohnt in einem nachverdichteten Reihenhaus in Dresden.

e-GoNews: Was hat es damit auf sich?
Scherzer: Diese Projekte passen gut in die Verdichtung der Innenstädte, weil sie die Wohnfläche im Vergleich zum Einfamilienhaus effizienter ausnutzen: Mehrere Parteien wohnen in einem Haus oder Projekt jeweils in individuellen Wohnungen und teilen sich häufig zusätzliche Räumlichkeiten wie Gemeinschaftsraum, Waschküche oder Hobbyräume. Zusammen haben die Menschen dann viel mehr Möglichkeiten. Und gleichzeitig ist es für viele rein finanziell die einzige Option, um überhaupt in der Stadt wohnen zu können.

Wie Nachbarschaftsnetzwerke ein Erfolg werden

e-GoNews: Das anonyme Zusammenleben dort würde sich doch grundlegend verändern?
Scherzer: Ja, wenn es gut organisiert ist. Es ist wichtig, dass Nachbarschaftsnetzwerke nicht nur initiiert sondern auch gepflegt werden. Man darf sich das nicht zu sozialromantisch vorstellen. Es menschelt ja überall. Bei größeren Projekten, die wir untersucht haben, ist aufgefallen, dass Netzwerke dann besonders gut funktionieren, wenn sie moderiert werden. Allerdings ist das Angebot für Gemeinschaftswohnprojekte auf dem heiß umkämpften Grundstücksmarkt leider immer noch wesentlich kleiner als die Nachfrage. Aber einige Städte sind auch Vorreiter – allen voran bei der Förderung.

Mit Nachverdichtung lässt sich viel Wohnraum auf kleiner Fläche realisieren – zum Beispiel durch moderne Reihenhäuser.

e-GoNews: Inwiefern?
Scherzer: Die Konzeptbewerbungen in Tübingen sind so ein Beispiel: Die Stadt bietet günstige Grundstücke für Baugruppen an, die müssen aber im Gegenzug ein Konzept auf den Tisch legen, was sie im Quartier alles machen wollen – von sozialen Angeboten wie Krabbelgruppen über Dienstleistungen wie Fahrradwerkstätten bis hin zum Einzelhandel. Das muss dann im Projekt entsprechend umgesetzt werden. Obwohl sich dieses Konzept absolut bewährt hat, gibt es leider noch nicht so viele Kommunen, die da aktiv sind.

„Städte müssen Wohnraumversorgung als elementare Grundversorgung verstehen – und nicht als Renditespielchen.“ Prof. Dr. Ulrike Scherzer, Architektin und Wohnsoziologin
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e-GoNews: Wie können die Städte aufholen?
Scherzer: Indem sie die Bereitstellung von Wohnraum als elementare Grundversorgung verstehen und nicht als Renditespielchen. Das ist tatsächlich ein großes Problem. Dresden hatte zum Beispiel vor 20 Jahren das städtische Wohnungsunternehmen WOBA verkauft und dann keinen Hebel mehr, um auf die gestiegene Nachfrage zu reagieren. Da schoben sich dann die großen Player die Bestände hin und her. Der Markt regelt es eben nicht so, dass eine gute Wohnraumversorgung herauskommt. Das hat man auch in Dresden begriffen. Generell müssen Städte politisch eingreifen, sonst kommen wir aus dieser Schleife nicht mehr heraus.

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