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Kotelett auf Knopfdruck

Essen aus dem 3D-Drucker – das klingt nach einem Hirngespinst, ist aber tatsächlich schon Realität und könnte die Ernährung grundlegend verändern. Wie ausgereift Foodprinting bereits ist, wer diese Technologie nutzt und wem sie helfen könnte.

Lesedauer: 11 Minuten
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er Unterschied ist kaum zu erkennen. Was da in der Pfanne brät, sieht aus wie ein Steak, soll riechen wie ein Steak und wird schmecken wie ein Steak. Aber: Es ist kein Steak. Zumindest keines, wie wir es bislang kennen. Bei dem, was da im Werbevideo des israelischen Start-ups Redefine Meat zu sehen ist, handelt es sich noch nicht mal nur um eine pflanzliche Alternative zum Fleisch, sondern auch noch um einen Ausdruck aus einem 3D-Drucker.

Sechs Kilo pflanzliches Fleisch pro Stunde

„Mit unserer Technologie können wir das Muskelgewebe eines Rindes imitieren, viel effizienter, mit geringeren Kosten und deutlich klimafreundlicher“, erklärt Eshchar Ben-Shitrit, CEO der jungen Firma. Schlüssel zum Erfolg ist zum einen eine neue Rezeptur. Die gibt Redifine Meat zwar nicht preis, verrät aber, dass Muskeln, Fett und Blut die Komponenten sind, die es nachzuahmen gilt, um das perfekte Steak zu erhalten. Zum anderen ist es das Verfahren des 3D-Drucks, das sogenannte Foodprinting, das die Herstellung der synthetischen Variante so viel günstiger machen soll als die ihres konventionellen Pendants. Sechs Kilo pflanzliches Fleisch pro Stunde können die Gründer schon heute drucken. Langfristig sollen es 100 Kilo sein.

Steak-Produktion am laufenden Band: In Zukunft will Redefine Meat mehr als 100 Kilo Fleisch pro Stunde drucken.

Bislang waren 3D-Drucker vor allem in der Medizin oder der Industrie gefragt, etwa um damit Prothesen herzustellen oder maschinelle Ersatzteile vor Ort ausdrucken zu können. Aber in der Lebensmittelbranche? Tatsächlich fasst die Technologie auch in diesen Bereich immer weiter Fuß. Bis 2024 soll der Markt im Vergleich zu 2017 um 50 Prozent auf 400 Millionen Dollar wachsen, hat das Marktforschungsinstitut Research Nester ermittelt. Ursache dafür ist die steigende Nachfrage nach individuellen Lebensmitteln, etwa nach Fleisch-Alternativen.

Essen aus dem 3D-Drucker: Innovation oder Hirngespinst?

Das beobachtet auch Volker Lammers, Verfahrenstechniker und Gruppenleiter am Deutschen Institut für Lebensmitteltechnik in Quakenbrück. Der Wissenschaftler erforscht bereits seit 2018 den 3D-Druck von synthetischen Lebensmitteln auf Basis von Proteinen und Stärke. Ziel seiner Arbeit ist es herauszufinden, wie man Rohstoffe verarbeiten muss, damit sie druckbar sind. So, wie es die Firma Redefine Meat mit ihrem Steak bereits geschafft hat. „Wenn 3D-Druck Strukturen in Lebensmitteln ermöglicht, die sich mit klassischen Methoden nicht erreichen lassen, könnte die Technik zur echten Alternative werden“, sagt Lammers.

Davon sind auch die Mitglieder der Bundesvereinigung der Ernährungsindustrie überzeugt. Wie eine gemeinsame Umfrage mit dem Digitalverband Bitcom ergeben hat, glaubt fast jedes dritte Unternehmen, dass der 3D-Druck im Jahr 2030 in der Lebensmittelproduktion eine gewichtige Rolle spielen wird. „Für viele ist 3D-Druck zurzeit allerdings noch unattraktiv“, erklärt Stefanie Sabet, die Geschäftsführerin des BVE. Schließlich könnten bestimmte Lebensmittel wegen ihrer Zusammensetzung und ihrer Konsistenz nicht gedruckt werden.

In der Industrie kommt 3D-Druck bereits verbreitet zum Einsatz.
Schon bald könnte sich die Technologie auch in der Lebensmittelproduktion etablieren.

Für die Konditoreibranche sieht das allerdings anders aus. Schokolade und Marzipan können zum Beispiel schon heute problemlos ausgedruckt werden. Der Schweizer Konzern Barry Callebaut, immerhin einer der größten Schokoladenhersteller der Welt, bietet Kundinnen und Kunden bereits Schokolade aus dem 3D-Drucker an. Ein klarer Vorteil seien dabei vor allem die Produktionsmengen. Pro Tag könne man mehrere tausend Stücke herstellen, erklärt das Unternehmen. Auch in den Niederlanden wird das Thema aktiv angegangen. Dort ist schon vor einem Jahr die erste Schokoladen-Druckerfarm entstanden. Die 3D-Drucker arbeiten dort vollautomatisch zusammen, um die Schokolade in die gewünschten Formen zu drucken.

Wo gedrucktes Essen das Leben erleichtern würde

Auch die Weltraumorganisation NASA beschäftigt sich schon seit Jahren mit Foodprinting. Bereits 2006 fanden die ersten Untersuchungen statt. Für viele Fachleute ist das der Ursprung des 3D-Drucks von Lebensmitteln. Das Ziel der Forschung ist klar: Wie können Astronautinnen und Astronauten für längere Missionen bestmöglich ernährt werden? Statt vakuumverpackter Speisen könnten sich die Weltraumreisenden wohl schon bald auf frischgedruckte 3D-Pizza freuen. Die Kolleginnen und Kollegen der US-Firma Modern Meadow sind sogar noch einen Schritt weiter. „Wir haben bereits ein gezüchtetes kleines Schweinekotelett hergestellt, gekocht und gegessen”, sagte der CEO Andras Forgacs. Das Kotelett auf Knopfdruck ist also längst kein Hirngespinst mehr.

Das beweisen auch Eshchar Ben-Shitrit und Redefine Meat mit ihrem synthetischen Steak aus dem 3D-Drucker. Tatsächlich aber kommen die Entwicklerinnen und Entwickler mit ihrem besonderen Verfahren der Fleisch-Variante noch einen großen Schritt näher. Textur, Geschmack und Ess-Erlebnis sollen gleich sein wie bei Rind und anderem hochwertigen Fleisch, erklärt das Unternehmen.

„Unsere Mission ist es, das größte Fleischunternehmen der Welt zu werden.“ Eshchar Ben-Shitrit, CEO Redefine Meat
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Eine Probe aufs Exempel erbrachte den Beweis. In einem Vorort von Tel-Aviv haben die Food-Unternehmer einen Imbisswagen aufgestellt und mit dem Spruch „Ein neues Fleisch für die Stadt“ beworben. Der Andrang war riesig, mehr als 1200 Gäste kamen an zwei Tagen und stellten sich eine Stunde in die Schlange. Erst nach dem Verzehr wurden sie aufgeklärt, was sie gegessen hatten. Die Rückmeldungen seien „überwältigend“, Geschmack, Konsistenz und Gefühl im Mund mit echtem Fleisch vergleichbar gewesen. Die Akzeptanz lag bei 90 Prozent.

Seit Sommer gibt es gedrucktes Fleisch auch in Deutschland

Davon können sich Genussmenschen jetzt auch in Deutschland überzeugen. Seit Sommer gibt es einen Premium-Hamburger mit 170 Gramm, eine Wurst, einem Lamm-Kebab sowie eine nahöstlichen Blätterteigzigarre und Hackfleisch auch in ausgewählten deutschen Restaurants. Außerdem ist im nächsten Schritt Anfang 2022 die Expansion des Geschäfts auf ganz Europa geplant. „Unsere Mission ist es, das größte Fleischunternehmen der Welt zu werden“, sagt CEO Ben-Shitrit. Und das, obwohl Redefine Meat in Wirklichkeit gar kein Fleisch produziert.

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