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„Beitragsgarantie bedeutet garantierten Verlust“

Prof. Michael Hauer, Geschäftsführer des Instituts für Vorsorge und Finanzplanung (IVFP), ist einer der wichtigen Experten des Landes. Im Interview spricht er über den Sinn von Prognosen in Corona-Zeiten, Chancen nachhaltiger Geldanlage und das Ende der Beitragsgarantien in der Lebensversicherung.

Lesedauer: 10 Minuten

GoNews: Herr Professor Hauer, das IVFP dürfte vielen unserer Leser wegen der fundierten Produktratings ein Begriff sein. Wenn Sie statt Produkten einmal Jahre bewerten müssten: 2020 bekäme da eher kein „exzellent“, oder?
Prof. Michael Hauer: Nein, das wohl eher nicht. Die Auswirkungen des vergangenen Jahres auf die Wirtschaft und auf die Menschen sind noch gar nicht abzuschätzen, aber die Bestnote hat 2020 wohl auf keinen Fall verdient.

Zur Person

Michael Hauer ist Professor für Finanzmärkte und Financial Planning an der Technischen Hochschule Amberg-Weiden sowie Fachautor und -referent für Altersvorsorge. Er ist als „Top Speaker“ ausgezeichnet. Für den Fachbereich Altersvorsorge ist er auch Dozent an der ebs European Business School.

GoNews: Wenn ein Jahr uns so kalt erwischen kann wie 2020 – machen Prognosen dann überhaupt Sinn?
Hauer: Nur weil Prognosen auch danebenliegen können, macht es keinen Sinn, gleich ganz auf sie zu verzichten.  Für ein solides Fundament braucht es Planung, und für Planung braucht es Prognosen. Wenn man sich die maßgeblichen Trends unserer Zeit anschaut, stellt man aber auch fest, dass sie durchaus intakt sind. Nehmen Sie die gesetzliche Rente. Die steht ja nicht erst und auch nicht hauptsächlich aufgrund der Pandemie auf tönernen Füßen, sondern wegen des demografischen Wandels, an dem Corona nur wenig ändert. Der Lebensstandard lässt sich allein mit dem gesetzlichen Rentensystem schon länger nicht mehr halten, und die Schieflage verstärkt sich ab 2025 mit dem Wechsel der Babyboomer in den Ruhestand massiv. Was wir aber sehen ist, dass die Menschen in der Corona-Krise vermehrt über Gesundheit, Absicherung und sozialen Status nachdenken und dabei zwangsläufig zu der Erkenntnis gelangen: Ohne private Vorsorge wird es nicht gehen.

Das Ende der 100-Prozent-Garantie

GoNews: Die Großen der Branche verabschieden sich aber gleichzeitig von der 100-Prozent-Garantie. Ist das das richtige Zeichen?
Hauer: Sie meinen die Ankündigung aus München im Spätherbst 2020. Um es klar zu sagen: Die Allianz ist hier sicherlich kein Vorreiter, den Schritt sind einige Versicherer schon vor Jahren gegangen. Aber es ist natürlich eine deutliche Botschaft, wenn es selbst der Allianz als einem der größten Asset Manager überhaupt nicht mehr möglich scheint, dauerhaft eine 100-Prozent-Beitragsgarantie anzubieten. Oder anders ausgedrückt: Wer jetzt noch an die Zukunftsfähigkeit der 100-prozentigen Beitragsgarantie bei gezillmerten Tarifen glaubt, der glaubt auch an den Weihnachtsmann.

GoNews: Das Risiko, bei 70- bis 90-prozentiger Garantie am Ende tatsächlich weniger Geld als die eingezahlten Beiträge zu erhalten, ist eher gering. Man könnte also auch sagen: 100-prozentige Garantien werden nicht nur seltener – sie werden auch viel seltener benötigt.
Hauer: Man könnte sogar noch weiter gehen und die Frage stellen, ob eine Garantie in diesen Höhen überhaupt Sinn macht. Sämtliche Statistiken zeigen: Die Wahrscheinlichkeit, dass man bei einem Investment in Fondspolicen über einen Horizont von 15 bis 30 Jahren und mehr unter den eingezahlten Beiträgen liegt, geht gegen null. Und was Vermittler den Kunden noch stärker vermitteln müssten: Garantien, auch die nicht 100-prozentigen, kosten eine Menge Geld.

„Fondspolicen sind sind chancenreicher und inzwischen die bessere Alternative zur klassischen Absicherung.“ Prof. Michael Hauer, Geschäftsführer des Instituts für Vorsorge und Finanzplanung (IVFP)
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GoNews: Axel Kleinlein vom Bund der Versicherten spricht bei Policen ohne 100-prozentige Beitragsgarantie hingegen vom ‚garantierten Verlust‘. Was halten Sie von solchen Aussagen?
Hauer: Herr Kleinlein bleibt sich treu, wenn er seit Jahren versucht, die Versicherer auf unqualifizierter Basis zu kritisieren. Richtig ist stattdessen: Nicht der Abschied von der Garantie stellt den Verlust dar, sondern eben das Festhalten an der althergebrachten Bruttobeitragsgarantie beim heutigen Zinsniveau. Die Garantieerzeugungsmodelle der Branche funktionieren grundsätzlich sehr gut, stoßen aber wegen der andauernden Niedrigzinsen an Grenzen und erzeugen selbst Opportunitätskosten, also entgangenen Gewinn. Gleichzeitig sind Inflation und Kaufkraftverlust zwar niedrig, liegen aber nicht bei null. Wenn sie heute also 100 Euro einzahlen und in 30 Jahren 100 Euro garantiert wieder zurückbekommen, haben die nur noch eine Kaufkraft von vielleicht 55 Euro. Das nenne ich garantierten Verlust!

Fondspolicen – die bessere Alternative zur klassischen Absicherung

GoNews: Als chancenreicher gelten Fondspolicen – vor allem ohne 100-prozentige Garantie. Haben Sie Tipps für Makler, worauf sie bei der Beratung besonders achten sollten?
Hauer: Richtig, Fondspolicen sind chancenreicher und inzwischen die bessere Alternative zur klassischen Absicherung – aber sie sind schwieriger zu verkaufen, weil sie erklärungsbedürftiger sind. Grundsätzlich bleibt die Altersvorsorge ein Produkt, das verkauft werden muss – auch wenn viele Menschen derzeit für das Thema stärker sensibilisiert sind als noch vor der Pandemie. Ein guter Makler muss seinen Kunden erklären (können), dass und warum Garantien heute mehr Geld kosten als sie bringen – und vor allem: dass sie bei langen Anlagezeiträumen eh nicht wirklich gebraucht werden. Zum anderen können Makler die Vorzüge herausstellen, die Alternativen wie Fondspolicen nun einmal haben, auch und vor allem im Vergleich zur direkten Fondsanlage. Neben den steuerlichen Vorteilen, Stichwort Abgeltungssteuerfreiheit, wären da vor allem die Absicherung des Langlebigkeitsrisikos und die Möglichkeit zu nennen, für den Todesfall einen Dritten zu begünstigen.

Soli for Future – die Chance für Vermittler

GoNews: Dennoch bleibt Altersvorsorge schwer an den Mann zu bringen. Anders als bei Hausrat und Haftpflicht fließt eben monatlich eine stolze Summe vom Konto ab, die erst einmal nicht mehr zur Verfügung steht.
Hauer: Die Branche muss ihrem Vertrieb regelmäßig neue Beratungsansätze und Strategien anbieten, mit denen sie erklärungsbedürftige Produkte beim Kunden adressieren können. Brandheißes Thema und ein wirklich guter Ansatz ist auch noch fürs Jahr 2021 der Wegfall des Solidaritätszuschlags für eine breite Mehrheit der Beschäftigten. Cirka 93 Prozent werden mit der ersten Gehaltsabrechnung 2021 mehr netto vom Brutto aufs Konto bekommen. Das ist eine gute Gelegenheit für Vermittler, für die private Altersvorsorge zu sensibilisieren. Wir nennen das den Soli for Future. Grundgedanke dabei ist: Wer das Netto-Plus direkt für den Ruhestand reinvestiert, verzichtet heute auf nichts und hat im Alter mehr. Und viele unterschätzen, um welche Summen es da geht. Für ledige Personen kann der Wegfall bis zu 78 Euro mehr im Monat bedeuten, für Ehepaare das Doppelte. Das sind Summen, mit denen sich durchaus eine private oder betriebliche zusätzliche Absicherung aufbauen lässt.

„Nachhaltigkeit ist ein Thema für heute und in Zukunft. Das gilt in besonderem Maße auch für  Anlagestrategien.“ Prof. Michael Hauer
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GoNews: Nachhaltige Anlagen sind über langfristige Horizonte betrachtet weniger riskant und besitzen hohes Rentabilitätspotenzial. Doch der Markt ist jung und nur schwer zu überblicken. Wie können Makler ihre Kunden fundiert beraten?
Hauer: Auch wenn es inzwischen manchem in den Ohren klingelt, weil er es nicht mehr hören kann: Nachhaltigkeit ist das Thema für heute und auch in Zukunft. Das gilt auch und in besonderem Maße für Anlagestrategien. Wer zunächst an die höheren Preise von E-Autos oder Lebensmitteln im Biomarkt denkt, der denkt vielleicht auch erst einmal an Renditeeinbußen, die mit dem Ziel Nachhaltigkeit einhergehen. Auf lange Sicht ist das mit einiger Sicherheit falsch. Man kann durchaus nachhaltig investieren und trotzdem auch ordentliche Renditen erzielen. Wobei das Trotzdem mehr und mehr verschwindet, je länger die Investments laufen. Denn dann entsteht sogar die Chance auf deutlich höhere Erträge als mit klassischen Investitionsgütern. Wir haben erst vergangenes Jahr ein umfassendes Rating dazu erstellt, die Ergebnisse sind inzwischen auch in unserem Tool fairgleichen.net abgebildet.

fairgleichen.net – die Mitmach-Anwendung des IVFP

GoNews: Vielleicht können Sie kurz erklären, was fairgleichen.net ist – und worum es dem IVFP dabei geht.
Hauer: fairgleichen.net ist unser Tarif-Vergleichstool, das im Sommer 2019 gestartet ist und das wir kostenfrei Vermittlern zur Verfügung stellen – übrigens nicht nur für Altersvorsorge-, sondern auch für Biometrieprodukte. Vielleicht das Wichtigste dabei: Das Ganze ist eine Mitmachanwendung, die vom Feedback der Nutzer lebt, das dann in regelmäßigen Inkrementen eingearbeitet wird. Gleichzeitig basieren die objektiven Vergleiche auf unseren wissenschaftlichen Untersuchungen und Ratingergebnissen, was es Vermittlern erleichtert, eine haftungssichere, qualifizierte Beratung zu dokumentieren.

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