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„Das Auto ist in Zukunft nur Teil eines Gesamtkonzeptes“

Harry Evers, Geschäftsführer der ITS Deutschland und anerkannter Mobilitätsexperte, über die Zukunft des Autos, selbstfahrende Busse und Lkw und warum das Fahrrad in Zukunft das bessere Auto sein könnte.

Lesedauer: 10 Minuten

GoNews: Herr Evers, als Geschäftsführer von ITS (Intelligent Transport Systems) Hamburg 2021 GmbH bereiten Sie den Weltkongress für Mobilität und Logistik 2021 in Hamburg vor. Dabei geht es darum, die Potenziale intelligenter Verkehrssysteme weltweit auszuschöpfen. Wird Hamburg damit zum Zukunftszentrum für Mobilität?
Harry Evers:
In gewisser Weise ja. Die Stadt wird die Infrastruktur schaffen, damit beispielsweise Kleinbusse eingesetzt werden können, die zukünftig keinen Fahrer mehr haben. Diese automatisierten Busse bringen unter anderem auf Abruf Fahrgäste zu Bahnhöfen. Das ist einer der ersten Einsätze von selbstfahrenden Autos.

GoNews: Geht es dabei um Visionen, die in der Forschung, in der Planung und zum Teil bereits Realität sind?
Evers:
Richtig. Seit circa zehn Jahren ist dieses Szenario in der Forschung und Planung. Auf einem Spezialgelände ein Fahrzeug automatisch von A nach B fahren zu lassen, ist ja inzwischen recht unproblematisch. Die deutlich größere Herausforderung besteht darin, dieses autonome Gefährt auch in den normalen Straßenverkehr zu integrieren. Die schwierigste Hürde ist dabei die absolute Sicherheit, die die Automobilunternehmen garantieren müssen. Das wird dazu führen, dass die Automatisierung in unterschiedlichen Stufen eingeführt wird. Von Jahr zu Jahr wird die Technik und die erforderliche Infrastruktur besser, und am Ende ist das Fahrzeug vollautomatisiert im Straßenverkehr unterwegs.

Das macht die ITS

Mit der Unterstützung des Volkswagen-Konzerns und mehr als 100 Zusagen von Industrie, Forschung und Verbänden wird Hamburg in den nächsten Jahren ein Test- und Erprobungsumfeld für Zukunftstechnologien, an dessen Ende 2021 der Weltkongress für Mobilität und Logistik steht. Als Geschäftsführer ist der Ingenieur Harry Evers der entscheidende Mann bei der Umsetzung.

Autonomes Fahren in der Zukunft

GoNews: Wie lange müssen wir denn noch warten, bis wir im Auto schlafend von Hamburg nach München fahren können?
Evers: Mit der Bundesbahn können sie das ja schon. Mit dem Auto wird es noch mit ersten Anwendungen vier bis fünf Jahre dauern.

GoNews: Länger nicht?
Evers: Nein. Erste Anwendungen werden dann möglich sein. Auf der Autobahn von A nach B zu kommen, ist für die Ingenieure und Anbieter ja die einfachste Variante. Danach geht es in den Bereich der Kreuzungen und der Einfädelung. Auch dafür gibt es schon Lösungen. Wenn ich in den Innenstadt-Bereich komme, wird alles natürlich viel komplexer. In der Übergangszeit ist die technisch schwierigste Herausforderung, das selbstfahrende Auto durch einen Verkehr zu steuern, indem noch Menschen hinterm Lenker unvorhersehbar reagieren können. Bis auch das gelingt, wird es zehn bis 15 Jahre dauern.

„Unfallschäden gehen zurück. Das wird sich beispielsweise auch auf die Versicherungsprämien auswirken.“ Harry Evers, CEO ITS Deutschland
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GoNews: Wer ist denn bei einem Auto, das selbstständig fährt, für Zusammenstöße und Unfälle verantwortlich?
Evers: Da müssen in der Tat neue Regeln und Gesetze erarbeitet werden. Wenn ich in einem Auto sitze und gar nichts mehr tun muss, kann ich auch keine Schuld haben, wenn etwas passiert. Dafür werden wohl die Hersteller geradestehen müssen. Für diese Zukunftsprobleme gibt es allerdings noch keine Lösungen. Aber auch in diesem Bereich ist es so: die Versicherer befassen sich längst und sehr intensiv mit diesem Thema. Schon jetzt wird ja durch Sensoren, Kameras und Warnsignale gerade auch für ältere Menschen das Autolenken viel sicherer. Unfallschäden gehen zurück. Das wird sich beispielsweise auch auf die Versicherungsprämien auswirken.

Das Fahrrad als Alternative zum Auto

GoNews: In Großstädten ist besonders der motorisierte Verkehr so stressig wie nie zuvor. Sollen wir denen glauben, die predigen: Das Fahrrad ist das Auto der Zukunft?
Evers: In einigen Bereichen schon. Das Thema Sport und Bewegung wird auch immer wichtiger. Und da sind Fahrräder, vor allem auch E-Bikes, eine Alternative. Die machen mehr Spaß.

GoNews: Über wichtige Verkehrsadern der Metropolen steuern täglich 30.000 und mehr Menschen in die Zentren. Wären die alle mit Fahrrädern unterwegs, gäbe das nicht ein ebenso gefährliches Chaos wie jetzt mit den Autos?
Evers: Dann schauen Sie mal nach Dänemark. Da sind die Fahrradwege so breit wie bei uns die Autostraßen. Es ist eine Frage der Einstellung. Ein eigenes Auto muss nicht sein. Für junge Leute wird diese Haltung schon immer selbstverständlicher. Sie sehen ein, dass es sinnvoller ist, Mobilität gemeinsam zu organisieren. Auf diese neuen Bedürfnisse muss sich die Industrie mit entsprechenden Alternativen und Angeboten einstellen.

„In Dänemark sind die Fahrradstraßen so breit wie bei uns die Autostraßen.“ Harry Evers, CEO ITS Deutschland
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GoNews: Wenn dem selbstfahrenden Auto die Zukunft gehört, gilt das auch für Lkws und Busse und Taxen?
Evers: In der Tat. Berufe wie Bus-, Taxi- oder Lkw-Fahrer werden irgendwann nicht mehr benötigt. Oder sagen wir es anders: der Taxiunternehmer sitzt dann Zuhause und organisiert seine drei Taxen ohne Chauffeur.

Die Mobilität im Wandel

GoNews: Ältere Menschen werden wohl Autobesitzer bleiben. Werden aber unsere Enkelkinder noch ein eigenes Auto haben?
Evers: Eindeutig nein. Sie werden sich ein Auto leisten können, aber keines wollen. Wenn sie etwas brauchen, das sie von A nach B bringt, bieten sich ihnen verschiedene Möglichkeiten. Eine kann ein Auto sein, das sie sich mit Nachbarn oder anderen teilen. Autos werden in der Zukunft viel effizienter genutzt. Die Kosten, die unsere Enkelgeneration so einspart, investiert sie lieber in neueste Internet- oder Kommunikations-Technik.

GoNews: Und was wird aus der stolzen deutschen Autoindustrie?
Evers: Die orientiert sich um. VW beispielsweise gab gerade bekannt, dass es die Einstellung von Software-Ingenieuren mehr als verzehnfachen wird. Das Automobil selbst ist in Zukunft in der Produktion nur noch ein Teil eines gesamten Mobilitätskonzeptes. Der Kunde bekommt mit seinem selbstfahrenden Wagen auch einen komplett vernetzten Arbeitsplatz und das neueste Entertainment-Angebot sowieso.

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