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Willkommen in „New Normal“

Corona hat die Welt verändert – und die Arbeit. Beinahe über Nacht fand sich das Land im Homeoffice, in Zoom-Meetings, Videokonferenzen und virtuellen Workshops wieder. Im Hinblick auf die Zeit nach Corona drängt sich jetzt die Frage auf: Wie sieht in Zukunft die Normalität aus?

Lesedauer: 15 Minuten
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ede Krise hat ihre Profiteure. Und so gehörte zu den Gewinnern der Corona-Krise wohl jeder, der Anfang des Jahres in Aktien der Firma Zoom investiert hat. Am 2. Januar kostete das Wertpapier des US-amerikanischen Tech-Unternehmens gerade einmal 61 Euro. Etwas mehr als ein halbes Jahr später, am 13. Juli, waren es bereits 247 Euro – eine Wertsteigerung von mehr als 400 Prozent.

Der Erfolg kommt nicht von ungefähr. Zoom bietet seinen Kunden die Möglichkeit, online über Video zu chatten. Und als Corona die Menschen auf der ganzen Welt in die Isolation zwang, nutzten viele den Videodienst, um Kontakt zu halten – zu Familie, Freunden und Kollegen. Während im Dezember täglich gut zehn Millionen Nutzer auf die Plattform zugriffen, waren es im April bis zu 300 Millionen am Tag. Allerdings hatte der Aufschwung auch eine Schattenseite: den Datenschutz. So soll Zoom personenbezogene Daten erhoben und Nutzerdaten weitergegeben haben.

Corona und der Trend zum Homeoffice

Trotzdem hat sich Zoom in der Wirtschaft weit verbreitet. Mit mittlerweile 265.000 Unternehmen zählt die  Softwarefirma viermal mehr Firmenkunden als noch vor einem Jahr.  Das liegt in erster Linie daran, dass zahlreiche Unternehmen ihre Mitarbeiter beinahe über Nacht ins Homeoffice geschickt haben. 43 Prozent – und damit fast jeder zweite Angestellte – arbeiteten bereits Ende März zumindest teilweise von zu Hause, wie das Bayerische Forschungsinstitut für Digitale Transformation (bidt) in einer Umfrage ermittelt hat.

„Auffällig war vor allem die hohe Zufriedenheit der Mitarbeiter“, sagt Dr. Roland Stürz, der die Studie geleitet hat. Demnach waren mehr als 80 Prozent der Befragten mit der Heimarbeit zufrieden. Und mehr als zwei Drittel der Teilnehmer wünscht sich für die Zeit nach Corona mehr Homeoffice. Arbeiten wir also bald nur noch digital, über Video-Tools und von zu Hause? Was wird aus Workshops, Meetings und Messen? Was bleibt von der Krise – und wie verändert sie die Arbeitswelt?

„Wir erleben ein großflächiges,  bundesweites Experiment der Digitalisierung von Arbeit und Kooperation.“ Dr. Josephine Hofmann, Teamleiterin Zusammenarbeit und Führung am Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO)
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Für Dr. Josephine Hofmann ist die Corona-Not bereits zum „New Normal“ geworden, zur neuen Normalität – mit langfristigen Folgen für die gesamte Arbeitswelt. „Wir erleben ein großflächiges, bundesweites Experiment der Digitalisierung von Arbeit und Kooperation, dessen Veränderungsgeschwindigkeit bis vor kurzem noch undenkbar erschien“, sagt die Leiterin des Teams Zusammenarbeit und Führung am Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO). In einer Studie hat sie die Auswirkungen der Pandemie auf die Unternehmenspraxis untersucht. „Die Ergebnisse sind beeindruckend“, sagt die Studienleiterin.

So sieht sie aus, die neue Arbeitswelt

Mehr als 500 Firmen wurden befragt, bei 93 Prozent von ihnen hat Corona dazu geführt, dass vermehrt Videokonferenzsysteme genutzt werden – bei Einstellungsgesprächen (57 Prozent), bei Mitarbeitergesprächen (62 Prozent) und sogar im Kundenkontakt (72 Prozent). „Besonders bemerkenswert finde ich das agile, schnelle Vorgehen in den Unternehmen und den Mut, Neues, auch notgedrungen, schnell umzusetzen“, sagt Hofmann. Viele Firmen wollen jetzt an dem Fortschritt festhalten. Rund 90 Prozent der Befragten wollen Homeoffice in größerem Umfang umsetzen, ebenso viele Dienstreisen kritisch hinterfragen und auf Video-Meetings ausweichen.

Das Büro als Begegnungsstätte bleibt ein wichtiger Teil der neuen Arbeitswelt.
Teamarbeit im Video-Chat: Für viele ist das Alltag geworden im Corona-Homeoffice.

Die Corona-Krise hat den Wandel beschleunigt, findet auch Franz Kühmayer. „Der Lockdown war Antrieb für mobiles Arbeiten“, sagt der Experte für die Arbeitswelt von morgen am Zukunftsins-titut in Wien. „Viele Firmen sind in kurzer Zeit weiter gegangen, als sie gedacht hätten. Jetzt sind die Technologien eingeführt, werden weiter optimiert – und nicht mehr verschwinden“, sagt Kühmayer.

Auf den Wandel folgt die Analyse

Deshalb sind die Unternehmen jetzt gefragt, zu analysieren: Was hat funktioniert, wo besteht noch Nachholbedarf? Infrastruktur, Kompetenz und Kultur – jeder dieser Bereiche muss stimmen. Durch die Corona-Pandemie kam der Umzug ins Homeoffice ja quasi über Nacht. Das stellte die Firmen vor technische Probleme: Sind die Mitarbeiter mit Laptops ausgestattet? Ist die Software auf dem neuesten Stand? Ist die Verbindung ins Büro  sicher? Und ganz wichtig: „Können meine Mitarbeiter mit der neuen Infrastruktur überhaupt umgehen, haben sie die Kompetenz für remote work?“, fragt Kühmayer.

Und schließlich  geht es auch darum, die Kultur innerhalb der Unternehmen an die Voraus- setzungen der neuen Arbeitswelt anzupassen. So müssen beispielsweise die Führungskräfte ihren Mitarbeitern vertrauen, dass sie ihre Arbeit zu Hause auch wirklich erledigen. „Die Pandemie hat das Ende der Anwesenheitspflicht besiegelt“, sagt Zukunftsexperte Kühmayer, „aber keinesfalls den Beginn der Homeoffice-Pflicht eingeläutet.“

„Die Pandemie hat das Ende der Anwesenheitspflicht besiegelt – aber nicht die Homeoffice-Pflicht eingeläutet.“ Franz Kühmayer, Arbeitsexperte am Zukunftsinstitut in Wien
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Mit anderen Worten: Die alleinige Präsenzarbeit im Büro ist genauso wenig die Lösung wie der komplette Umzug ins Homeoffice. Daher sei auch die Sorge, dass durch mobiles Arbeiten massig Büros geschlossen werden und der Arbeitsplatz im Unternehmen an Wert verliert, völlig unbegründet. Homeoffice oder Präsenzarbeit? Die Wahrheit liegt dazwischen, in einem Hybridszenario, sagt Kühmayer: „Wir wollen die Auswahl haben.“

Dieser Ansicht ist auch Dr. Tabea Scheel, Arbeits- und Organisationspsychologin und Professorin an der Europa Universität in Flensburg. Sie sagt: „Mit Beginn des Lockdowns ging ein Riss durch die Republik. Die einen haben sich gefreut, mit der Tasse Kaffee auf dem Tisch und dem Laptop auf dem Schoß auf dem Balkon in der Sonne zu sitzen und zu arbeiten – und die anderen haben Kinder.“ Grundsätzlich habe der durch Corona beschleunigte Wandel gewiss Vorteile, sagt Scheel: „Viele Arbeitsprozesse und Strukturen wurden aufgeweicht, das Vertrauen ins Homeoffice gestärkt und die Erkenntnis erlangt: Es geht ja doch.“

Aber auf der anderen Seite sei die Situation, durch eine Krise herbeigeführt, doch sehr künstlich – was wiederum Probleme nach sich ziehe. So sei die technische Ausstattung nicht immer ideal. Der Arbeitsplatz am Küchentisch nur selten ergonomisch, geschweige denn abschließbar. Und der zwischenmenschliche Kontakt auf fachlicher wie auch auf sozialer Ebene leide unter der räumlichen Entfernung enorm. Diese Distanz können ihrer Meinung nach auch Video-Meetings oder -Workshops kaum überwinden. Sie seien zwar ein nützliches Hilfsmittel, aber nicht die Lösung für alle Fälle.

Analog oder digital? Die Wahrheit liegt dazwischen

„Zum einen ist es wahnsinnig anstrengend, mehrere Stunden in die Kamera und auf den Bildschirm zu starren, und zum anderen bleiben Informationen auf der Strecke, die ich nur nonverbal teilen kann – durch Körpersprache“, erklärt die Psychologin. Keine digitale könne eine analoge Veranstaltung ersetzen. Diese Aussage stammt nicht von Tabea Scheel sondern von Tilman Freyenhagen. Das verwundert durchaus, denn Freyenhagen ist Geschäftsführender Gesellschafter des Alsterspree-Verlages – und damit Veranstalter der profino, der ersten Onlinemesse für Makler.

Aber der Unternehmer hat eine Erklärung für seine These. „Veranstalter analoger Messen sollten die Krise nutzen, um ihre Events neu zu denken“, sagt er. Denn an den aktuellen Formaten stören ihn zwei Dinge. Makler würden Kongresse nutzen, um ihre Weiterbildungspflichten zu erfüllen, während Vorstände der Versicherer ihre Terminkalender mit Jahresgesprächen füllen. Beides wiederum führt dazu, dass Zufallskontakte, für die es die Messen eigentlich gebe, fast komplett wegfallen.

Dabei sei Weiterbildung etwas für Onlineakademien und Jahresgespräche ein Fall für den Video-Chat. Und auf der Messe wäre plötzlich wieder Zeit für Networking. „Um das wiederum zu fördern, könnten weitere digitale Tools entwickelt werden“, schlägt Freyenhagen vor. Er denke dabei an eine App, der Makler ihre Interessen verraten und die ihnen dann den passenden Rundgang vorschlägt.

Online-Plattformen oder Präsenzveranstaltungen – oder beides?

Weil Corona jedoch bisher keine Messen erlaubt, werden Makler darauf noch etwas warten und sich mit Onlineveranstaltungen zufrieden geben müssen. Selbst die Leitmesse der Branche, die DKM, findet in diesem Jahr erstmals digital statt. Trotz aller Berechtigung für Präsenzmessen sieht Freyenhagen im Onlineformat weiterhin einen wichtigen Baustein für die Zukunft.

„Im Video-Chat bleiben Infos auf der Strecke, die ich nur nonverbal teilen kann – durch Körpersprache.“ Dr. Tabea Scheel, Arbeits- und Organisationspsychologin
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Das zeigt sich auch anhand der Zahlen. Rund 23.500 Nutzer sind aktuell auf der profino angemeldet, 80 Unternehmen, darunter auch die Gothaer, stellen dort aus. Die Live-Akademie zählt seit dem Launch vor drei Jahren 300.000 Teilnehmer.

Schon vor Corona waren Online-Events gefragt. Die Krise hat den Trend weiter beflügelt. Rund 60.000 Makler haben dieses Jahr die Akademie besucht – mehr als 40.000 davon in der Zeit von April bis Juni. „Wir sind tragischer Gewinner der Krise“, sagt Freyenhagen. Genau wie die Zoom-Aktionäre.

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