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„Wenn es schwierig wird, gehen Menschen zu Menschen“

200 Jahre Tradition, 200 Jahre Zukunft: Oliver Schoeller, neuer Vorstandsvorsitzender der Gothaer, und Zukunftsforscher Sven Gabor Janszky, diskutieren die wichtigen Fragen unserer Zeit: Wie gestalten wir die Zukunft? Wie gehen wir mit Künstlicher Intelligenz um, die schlauer ist als der Mensch? Was tun wir für die nächsten Generationen? Wie machen wir die Welt besser?

Lesedauer: 15 Minuten

GoNews: Herr Schoeller, Herr Janszky, woran denken Sie zuerst, wenn Sie an Zukunft denken?
Oliver Schoeller: Gestalten scheint mir spontan die beste Antwort darauf zu sein. Wenn ich an Zukunft denke, denke ich an nichts Unverrückbares, sondern an etwas, das wir aktiv mitgestalten können – und werden.
Gabor Janszky: Als Zukunftsforscher denke ich zuerst an Verbesserung, einige meiner Kollegen würden vielleicht mit Evolution antworten. In meinem täglichen Tun gibt es einen Gedanken, der regelmäßig wiederkehrt und alles durchdringt: Nichts ist fertig. Es ist unsere Aufgabe, alles immer wieder ein Stückchen besser zu machen. Das trifft Herr Schoeller mit dem Wort Gestalten sehr gut.

Zur Person: Oliver Schoeller

Oliver Schoeller, 49, ist seit Juli Vorstandsvorsitzender der Gothaer. Der studierte Betriebswirt arbeitete für internationale Unternehmensberatungen und wechselte 2008 zur Gothaer, wo er 2010 als Chief Operating Officer in den Vorstand einzog. Seit 2017 leitet er die Gothaer Kranken.

GoNews: Herr Schoeller, als designierter CEO des Gothaer Konzerns: Wie werden Sie die Unternehmenszukunft gestalten?
Schoeller: Ich glaube, um so etwas Abstraktes wie Zukunft zu durchdringen, hilft es, sich an die heute bereits sichtbaren Megatrends zu halten: Änderungen in Gesundheit, Mobilität, Urbanisierung, Konnektivität und vor allem auch Nachhaltigkeit. Dazu kommen Entwicklungen, bei denen wir noch keine richtige Vorstellung haben, wie sie unsere Welt verändern werden, zum Beispiel Quantencomputer. Und natürlich gibt es Dinge, die wir noch gar nicht sehen, die aber gleichermaßen Disruptions-Potenzial mitbringen können. Meine Aufgabe wird auch sein, die Gothaer weiter dazu zu befähigen, auf solche Entwicklungen zu reagieren. Also langfristige Trends zu antizipieren und in unserer Strategie abzubilden und der Gothaer zu ermöglichen, auch mit Unvorhergesehenem zurecht zu kommen.

„Was wir heute brauchen, ist der breitestmögliche Zugang zu Wissen.“ Oliver Schoeller, Vorstandsvorsitzender Gothaer
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GoNews: Helfen Ihnen dabei auch Zukunftsforscher wie Herr Janszky?
Schoeller: Ja, definitiv helfen Zukunftsforscher. Vielleicht hat es noch nicht jeder gemerkt, aber spätestens vor dem Hintergrund der exponentiellen Entwicklung von Wissen stirbt die Generation von CEOs, die alles wissen, aus. Was wir heute brauchen, ist der breitestmögliche Zugang zu Wissen, ob intern im Konzern, wo man all den klugen Köpfen auch eine Plattform bieten muss. Oder eben durch die Beteiligung an Ökosyste- men, die symbiotisch zu unseren eigenen  Fähigkeiten die Leistung an Kunden verbessern können.

Zukunftsforschung – was genau ist das überhaupt?

GoNews: Herr Janszky, warum können Sie das? Oder anders gefragt: Wie oft müssen Sie den Leuten erklären, dass Sie kein Hellseher sind?
Janszky: Das war vor fünfzehn Jahren noch ein größeres Problem, was zum Teil auch an der Vorgängergeneration meiner Zunft gelegen haben mag, die sich gerne als so eine Art Medium präsentierte. Inzwischen ist die Zukunftsforschung etablierter und wird auch wegen ihrer wissenschaftlichen Methodiken anerkannt.

GoNews: Was machen Sie denn genau?
Janszky: Zukunftsbefähigung. Wir befähigen Unternehmen, die nächsten Schritte zu gehen. Wir können mit wissenschaftlichen Methoden für einzelne Branchen oder auch kleinere Fragestellungen die nächsten zehn Jahre prognostizieren, zum Beispiel, wie sich Wertschöpfungsketten verändern oder das Kundenverhalten. Unser Ansatz dabei heißt Backcasting, also Strategieentwicklung aus der Zukunft in die Gegenwart. Wir fragen, wie die Idealpositionierung des Unternehmens in fünf Jahren aussieht. Was hat das Unternehmen im Jahr vier gemacht, um dort anzukommen? Und in Jahr drei? So nähern wir uns dem Ausgangspunkt an und können Handlungsempfehlungen für eine zukunftssichere Strategie geben.

Zur Person: Sven Gabor Janszky

Sven Gabor Janszky, 47, ist Zukunftsforscher, Autor, Keynotespeaker, Investor und Strategieberater. Mit 23 war er einst jüngster Nachrichtenchef in der ARD. Heute leitet er mit dem 2b AHEAD ThinkTank das größte unabhängige Trendforschungsinstitut Europas.

GoNews: Wir entwerfen einmal ein Szenario für die Versicherungswirtschaft: Policen spuckt der Computer aus, Schadenfälle werden durch Künstliche Intelligenz abgewickelt, Beratung und Verkaufsgespräche übernehmen Chat-Bots. Sieht so die Zukunft aus?
Schoeller: Das Wichtigste vorweg: Wir können mehr als Automatisierung. Bei den genannten Beispielen geht es ja im Grunde immer darum, bisher menschliche Tätigkeiten oder Prozesse zu automatisieren. In der Assekuranz geht es zunehmend darum, komplexe Risiken besser zu verstehen, präventiv zu vermeiden und bei Risikoeintritt zu unterstützen, die Folgen zu bewältigen. Hier kann Technologie helfen. Bei diesem Anspruch können Menschen und Technologie in der Symbiose besser sein als eine Seite allein. Wenn es schwierig wird, gehen Menschen zu Menschen, das wird sich nicht so schnell ändern. Wenn es um komplexe Sachverhalte und individuelle Problemlösungen geht, hat der Berater eine klare Zukunft und erzeugt Mehrwert für seine Kunden.

Was die Gothaer von gestern für morgen lernen kann

GoNews: Herr Janszky, nicht nur Technik soll die Branche zukunftsfest machen. Auch sogenannte agile Methoden, Design Thinking und Co. sind en vogue. Zu Recht?
Janszky: Ganz ehrlich? Vieles davon scheint mir wenig zu bringen und mehr zur Außendarstellung genutzt zu werden statt für echte Veränderungen. Böse gesagt: Krawattenverzicht und Bällebad reichen nicht. Vielmehr geht es um die Veränderung der Denk- und Verhaltensmuster in den Köpfen der Menschen, ihren tief liegenden Routinen. Der häufigste Denkfehler ist der Glaube, man könnte sich Veränderung antrainieren – oder aus Unternehmenssicht: die Mitarbeiter umprogrammieren. So funktioniert das aber nicht. Der Mensch denkt in Mustern, die sich bewährt haben. Es muss also vereitelt werden, alten Mustern zu folgen; zum Beispiel indem man sich in eine selbstgestaltete Krise stürzt. Wenn die alten Wege nicht mehr gangbar sind, sucht sich der Kopf neue. Das ist in einem großen Konzern viel Arbeit und funktioniert nicht mit der Gießkanne.

GoNews: Gothaer-Gründer Ernst Wilhelm Arnoldi kann guten Gewissens als Visionär bezeichnet werden. Was kann ein Konzern wie die Gothaer von heutigen Start-ups lernen?
Schoeller: Mich beeindruckt die Art, wie Start-ups über Probleme nachdenken. Vie- le haben eine besondere Fähigkeit, einen völlig anderen Blick auf Lösungsräume zu werfen. Sie verbringen außergewöhnlich viel Zeit damit, die Bedürfnisse von Kunden zu verstehen. Wenn die Angebote stehen, wirkt es wie das Offensichtliche, aber der Weg dahin braucht besondere Fähigkeiten und eine innere Unabhängigkeit von dem Bestehenden. Der Entwicklungsprozess nach der Idee ist dann allerdings stark agil, das heißt, Lösungen schnell in den Markt bringen und früh verstehen, was funktioniert. Wir Versicherer investieren oft zu viel Zeit und auch Geld, Lösungen initial zu entwickeln. Mir imponiert daher auch die Entschlossenheit, mit der Start-ups bereits getroffene Entscheidungen justieren – ohne dass dieser Umstand mit Scheitern assoziiert wird. Wenn man Scheitern ohne Bedauern akzeptiert, wird aus einer früheren Schwäche eine Stärke. Wichtig ist, dass man ständig lernt und sich verbessert.

Mit 23 war Sven Gabor Janszky einst jüngster Nachrichtenchef in der ARD.
Mit 47 leitet er mit dem 2b AHEAD ThinkTank das größte unabhängige Trendforschungsinstitut Europas.

GoNews: Das Markenleitbild der Gothaer ist die Kraft der Gemeinschaft. Aber geht der Trend nicht weg von der Absicherung in der Gemeinschaft, wenn man an Tarife denkt, die gesundes Verhalten oder defensive Fahrweise belohnen und das Gegenteil davon auch bestrafen?
Schoeller: Ich glaube, die Chance eines Versicherungsvereins auf Gegenseitigkeit liegt in der Langfristigkeit. Die Kraft der Gemeinschaft erwächst aus dem Privileg, sich nicht ständig für den Aktienkurs rechtfertigen zu müssen. Denn die großen Herausforderungen dieser Zeit haben langfristigen Charakter. Dabei  geht es stark um Solidarität. Ein zentrales Element von Solidarität muss immer Freiwilligkeit sein. Erst durch die freiwillige Entscheidung, sich solidarisch zu verhalten, kann sich ihre Wirkung entfalten.
Janszky: Die Frage ist, ob Kunden bereit bleiben, für Fehlverhalten anderer im Kollektiv zu bezahlen. Wenn die Versicherung zukünftig vor einem schweren Hagelunwetter warnt, ein Versicherter dann aber sein Auto nicht in die Garage fährt. Oder wenn jemand krank wird, obwohl seine Gesundheitsapp ihn mehrfach darauf hingewiesen hat, dass er mal kürzertreten sollte.

„Es ist möglich, dass der erste unsterbliche Mensch schon lebt.“ Sven Gabor Janszky, Zukunftsforscher
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Schoeller: Die Betrachtung des Einzelrisikos gibt es schon immer, wenn Sie an Risikoklassen in der Unfallversicherung oder an Schadenfreiheits-, Typ- und Regionalklassen in der Kfz-Versicherung denken. Das geht nun in manchen Bereichen technologisch getrieben einen Schritt weiter. Um beim Auto zu bleiben: Diejenigen, die glauben, vernünftig zu fahren, wählen einen Telematik-Tarif nicht nur, um an der Prämie zu sparen. Sondern auch, weil sie nicht bereit sind, für das unvernünftige Verhalten anderer mit zu haften. Das führt zwangsläufig über Zeit zu einer Risikospreizung. Die technologiegetriebenen analytischen Möglichkeiten eröffnen ganz neue Potenziale und beschleunigen diesen Prozess. In der Autoversicherung ist das nachvollziehbar, in der Gesundheit wäre dies indessen zutiefst unsolidarisch. Wir sind in der Gemeinschaft gefordert, den ethischen Umgang mit den erwachsenden Technologiepotenzialen zu vereinbaren.

Wie sieht die Welt in 200 Jahren aus?

GoNews: Wagen wir zum Schluss noch einen Blick in die weiter entfernte Zukunft. Die Welt war 1820 eine völlig andere. Wie sieht die Welt in noch einmal 200 Jahren aus?
Schoeller: Das ist sehr abstrakt, ich würde es deshalb gerne aus der Sicht von heute beantworten. Unsere Verantwortung heute ist, diese Zukunft mitzugestalten. Die Verwerfungen der vergangenen Monate haben es uns ein wenig aus dem Blick verlieren lassen, aber: Die Welt ist heute eine viel bessere als vor 50, 70 oder 200 Jahren. Es hat noch nie eine Welt gegeben, die friedlicher, reicher und gesünder war als die heutige. Die Frage in 200 Jahren könnte also sein: Wie haben die Menschen damals im Jahr 2020 diese privilegierte Zeit genutzt, um die Welt von morgen zu gestalten? Deshalb gilt auch für uns: Wir müssen die Welt besser machen! Dazu gehört natürlich das Thema Nachhaltigkeit. Wie gehen wir mit Künstlicher Intelligenz um, die die menschliche Intelligenz übertrifft? Oder mit dem drohenden Auseinanderdriften der Staatengemeinschaften in Europa und der Welt? Das wird darüber entscheiden, ob man in 200 Jahren sagt, dass wir die heutige, privilegierte Zeit sinnvoll genutzt haben. Ich sage das auch als ein Unternehmenslenker in der Versicherungswirtschaft. All diese Themen und Risiken kumulieren letztlich ja  in Versicherungen, quasi als „Melting Pot“ aller Entwicklungsströme in der Welt. Je größer die Veränderungen sind und je positiver und neugieriger man ihnen begegnet, desto größer ist das Potenzial, diese Dynamiken auch für den eigenen Erfolg zu nutzen.

Janszky: Ich würde die Frage gerne auf 100 Jahre reduzieren, weil die Menschen, die in 100 Jahren leben, die leben  schon heute. Die medizinischen Entwicklungen sind enorm, Organe werden sich wie Ersatzteile reproduzieren lassen. Gentechnik wird dafür sorgen, dass Menschen nicht nur 100 Jahre, sondern  vielleicht 120 Jahre alt werden. Es gibt durchaus die Möglichkeit, dass der erste unsterbliche Mensch sogar schon heute lebt. Interessant wird sein, wie er sich dann als nur noch zweitintelligenteste Spezies des Planeten hinter der KI mit der Situation arrangiert. Das mag für den ein oder anderen bedrohlich klingen. Ich persönlich bin aber optimistisch und glaube: Die Entwicklung hin zum Besseren ist wahrscheinlicher als das Gegenteil. Die Welt wird menschlicher – und ich als Zukunftsforscher kann nur noch einmal darauf hinweisen: Nichts ist fertig.

Schauen Sie sich die Keynote Speech von Herrn Schoeller oder die Zeitreise per Holographie-Show an.

Schauen Sie sich hier den Zukunftskongress der Gothaer an.

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