...

„Wie Musik in einem Orchester“

Es gibt keine Computer-Software, die dem menschlichen Gehirn auch nur annähernd Konkurrenz machen könnte – sagt Hirnforscher Dr. Henning Beck. Und erklärt im Interview, wie Menschen auf die immer rasanter werdende Innovationsgeschwindigkeit reagieren.

Lesedauer: 10 Minuten

GoNews: Herr Dr. Beck, kann eine Maschine innovativer sein als das menschliche Gehirn? Werden Maschinen irgendwann klüger sein als Menschen?
Dr. Henning Beck: Kein Computer wird jemals die Welt beherrschen. Die Furcht vor der Künstlichen Intelligenz – das ist Hollywood-Stoff. Eine reine Marketing-Kampagne. Es gibt keine Software, die auch nur annähernd eine Konkurrenz für das menschliche Gehirn ist.

GoNews: Was macht Sie so sicher?
Beck: Computer funktionieren nach Regeln. Aber sie brechen Regeln nicht. Und sie stellen auch keine neuen auf. Das tun nur wir Menschen. Ideen entstehen, weil wir den Mut haben, Regeln zu brechen. Wir testen, probieren, überprüfen. Wir tauschen uns aus. Betrachten die Dinge in neuem Zusammenhang. Wir verstehen, wie etwas funktioniert. Denken ist dynamisch, Gehirne passen sich an, adaptieren. Computer sind dumm, aber heute schneller als vor 30 Jahren.

Zur Person

Dr. Henning Beck, 37, ist Neurowissenschaftler und Deutscher Meister im Science Slam. Er promovierte in Tübingen, erwarb ein internationales Diplom an der University of California in Berkeley und beriet in San Francisco Start-ups.

GoNews: Bitte geben Sie ein Beispiel.
Beck: Wegen der intensiven Smartphone-Nutzung hat sich die Daumenkontrolle in der dafür zuständigen Gehirnregion verstärkt. Allerdings geht es da nur um Mechanik. Denkvorgänge sind komplizierter.

Das Hirn im Wandel der Zeit

GoNews: Dann kann man nachweisen, wie Gehirne vor 200 Jahren funktionierten?
Beck: Gehirne lassen sich nur schlecht konservieren. Aber man kann sich das wie bei einem Orchester vorstellen. Alle Musikinstrumente waren, sagen wir mal, im 18. Jahrhundert bereits vorhanden. Die Musiker spielten Bach und Beethoven. Heute sind es die gleichen Instrumente, aber sie spielen auch moderne Musik von Rihanna und Helene Fischer. Oder nehmen sie die Architekten der Pyramiden. So einen Ingenieur von früher könnten sie problemlos in die Jetztzeit versetzen. Computer werden alt, menschliches Denken nicht.

GoNews: Aber so ein Computer ist doch viel fitter als ein Gehirn…?
Beck: Kein Mensch kann so schnell, so exakt und so viel rechnen wie ein Computer. Ein Gehirn rechnet mies, manchmal ist es faul und oft eitel. Es ist ein 1,5 Kilogramm schwerer Fehler. Aber es stürzt auch nie ab. Weil es funktioneller organisiert ist als ein Computer.

GoNews: Ist das kein Widerspruch?
Beck: Im Gegenteil. Unser Gehirn speichert nicht einfach stumpf Daten ab. Es unterscheidet zwischen wichtig und unwichtig. Erinnerungen sind nichts Statisches, nichts, was das Gehirn einmal fest abgelegt hat, um anschließend wieder darauf zuzugreifen. Erinnerungen sind lebendig, werden ständig verändert – wie Musik bei einem Orchester. Nur dadurch hat das Gehirn die Möglichkeit, neues Wissen aufzubauen, Ideen zu entwickeln.

Dr. Henning Beck – Bücher, Kolumnen, Filme

Das aktuelle Buch von Henning Beck „Das neue Lernen – heißt Verstehen“ (Ullstein Verlag, 19,99 Euro) beschäftigt sich mit der Frage, wie die Zukunft des Lernens aussieht und welche Rolle digitale Medien dabei spielen. Beck schreibt auch Kolumnen im Magazin „Geo“.  Und  mit diesem QR-Code können Sie Henning Beck im Film sehen – 18 Minuten lang!

GoNews: Dann ist vergessen nichts Schlimmes?
Beck: Wir Menschen merken uns Muster, abstrakte Zusammenhänge, nicht die unwichtigen Details. Vergessen ist wichtig, weil es Platz schafft. Diese vermeintliche Schwäche ist in Wahrheit eine Stärke.

Warum uns der technische Fortschritt zu Faulpelzen werden lässt

GoNews: Was macht die Reizüberflutung durch Smartphone, Tablet und Co. mit uns Menschen?
Beck: Die Technik hat uns Allverfügbarkeit gebracht. Wir haben keine Ausrede mehr, etwas nicht zu wissen. Es macht unser Gehirn faul. Schon Platon hat in der Antike moniert, dass die Schrift der Feind des Denkens ist. Wenn ich etwas aufschreibe, muss ich es mir nicht mehr merken. Dennoch ist der Informations-Overkill ein Problem.

GoNews: Warum? Das Gehirn kann doch prima aussortieren…
Beck: Wenn ich mein Gehirn permanent mit neuen Eindrücken bombardiere, dann kann es sein, dass es irgendwann nicht mehr auf den Inhalt der Nachricht achtet, sondern nur noch wie sehr sie sich ändert. Dann wird es schwierig, zu gewichten. Ein Gehirn braucht wie der Magen Pausen, damit es Inhalt verdauen kann. Nur wer verdaut, versteht.

GoNews: Dann werden wir Menschen dümmer, wenn wir uns zu wenig Pausen gönnen?
Beck: Zumindest hat sich die Innovationsgeschwindigkeit zu früher nicht verbessert. Smartphones sind zu Ende entwickelt. Neue Computer sind vielleicht schöner, aber nicht besser als die alten. Oder nehmen Sie die E-Books, der gehypte Nachfolger der klassischen Bücher. Tatsächlich hat sich in der Coronakrise gezeigt, dass sich der Verkauf von E-Books beispielsweise bei meinen Büchern weiter nur im Fünf-Promillebereich bewegt. Und das, obwohl die Buchhandlungen geschlossen hatten.

GoNews: Was heißt das für den Fortschritt?
Beck: Wir sind nicht schlauer als die Generationen in 30, 40 Jahren. In der Zukunft wird man auf uns zurückschauen und über uns lachen. So viel Bescheidenheit sollte sein. Nicht jeder Trend setzt sich durch.

Effizienz als Feind des Fortschritts

GoNews: Das werden die App-Entwickler im Silicon Valley nicht gern hören.
Beck: Die wissen am besten, dass sie Abstand brauchen, von dem, was sie beruflich machen. Viele der großen Entwickler wissen genau, wann sie ihr Smartphone auslassen müssen. Und alle haben ein Hobby, womit sie sich ablenken. Denn Ideen entstehen in den Pausen. Das ist wie im Sport. Da sind die Trainingspausen entscheidend, um besser zu werden.

GoNews: Dann sollten Unternehmen ihren Mitarbeitern mehr Pausen gönnen, wenn sie effektiver werden sollen?
Beck: Zumindest ist Denkoffenheit wichtig. Wir sind als technikverliebte Gesellschaft inzwischen so auf Effizienz getrimmt, dass wir nur noch ungern unsere Komfortzone verlassen. Aber nur, wenn wir Fehler machen dürfen, trauen wir uns, neue Denkwege einzuschlagen.

Die Erfolge von gestern – unsere Chance für die Zukunft

GoNews: Was hat die Komfortzone mit Fortschritt zu tun?
Beck: Wir leben in einer Welt, in der wir möglichst alles in Daten gießen wollen, damit wir es kontrollieren können. Und weil wir uns zunehmend nur noch in Kreisen informieren, die sowieso unserer Meinung sind, das Internet und WhatsApp lassen grüßen, sind wir bequem geworden. 

GoNews: Mit welchen Folgen?
Beck: Wir optimieren, was andere erfunden haben. Deutschland profitiert von den Erfindungen unserer Ingenieure vor einem Jahrhundert. Das ist unsere wichtigste Ressource. Wir müssen aber aufpassen, dass wir international nicht den Anschluss verpassen. Andere Gesellschaften sind hungriger und risikobereiter. Komfortzonen sind Innovationen-Verhinderer. Warum soll ich etwas verändern, wenn es mir gut geht.

GoNews: Also ist machen besser als perfekt machen?
Beck: Wie wir denken können, das ist unsere mentale Geheimwaffe. Der Mensch ist nicht das perfekte, Informationen verarbeitende System. Aber seine kreative geistige Stärke macht den Qualitätsunterschied.

Schauen Sie sich hier den Zukunftskongress der Gothaer an.

Der Themenwecker - meldet, wenn es etwas Neues gibt.

Die aktuellen Artikel der e-GoNews direkt in Ihr Postfach: Wir informieren Sie per Mail immer dann, wenn eine spannende Geschichte zu einem relevanten Thema in unserem Online-Magazin erschienen ist. Einfach Ihre E-Mail-Adresse eingeben, Datenschutzhäkchen setzen und Anmeldung per Mail bestätigen.

Ich habe die Datenschutzerklärung der Gothaer Versicherungsbank VVaG gelesen und erkläre hiermit mein Einverständnis.

Schreiben Sie uns

Hat Ihnen der Beitrag gefallen? Haben Sie Fragen?

    Ich habe die Datenschutzerklärung gelesen und erkläre mich mit der Verarbeitung meiner Daten einverstanden.


    ...

    Besuchen Sie unser GoNews-Archiv!

    Hier finden Sie zum Download sämtliche bisherigen Ausgaben der GoNews.

    Zum Archiv

    Das könnte Sie auch interessieren