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„Wir fürchten die falschen Dinge“

Den Mount Everest besteigen: 35.000 Mikromort. Mit dem Auto von Hamburg nach München: zwei Mikromort. Mit Astrazeneca impfen lassen: 2,5 Mikromort. Prof. Dr. Christian Hesse berechnet die Risiken des Lebens – Erkenntnisse, die für die Vermittlung von Versicherungen nützlich sind.

Lesedauer: 10 Minuten

GoNews: Herr Hesse, Sie sind Mathematiker, Risikoforschung ist eines Ihrer Fachgebiete. Gehen Sie sorglos durchs Leben?
Prof. Dr. Christian Hesse:
Das ist eine berechtigte Frage. Ich würde sagen, ich versuche, Risiken zu vermeiden, und obwohl ich mir der verbleibenden Risiken bewusst bin, gehe ich ziemlich sorglos durchs Leben. Aber mit 60 Jahren liegt mein tägliches Sterberisiko immerhin schon bei 28 Mikromort.

Zur Person

Prof. Dr. Christian Hesse (60) ist einer der einflussreichsten Mathematiker des Landes. Er hat in Gießen studiert und in Harvard geforscht. Mit 30 wurde er als jüngster Professor an die Uni Stuttgart berufen, wo er im Institut für Stochastik arbeitet.

GoNews: Mikromort – das ist die Einheit, in der das Sterberisiko berechnet wird. Was hat es damit auf sich?
Hesse: Ein Mikromort ist ein Sterberisiko von eins zu einer Million. Das beziffert ziemlich genau das tägliche Sterberisiko eines Otto-Normal-Menschen im Alter von 25 Jahren – also das Risiko, morgens aufzuwachen und den Tag, aus welchen Gründen auch immer, nicht zu überleben.

Fahrrad fahren – im Vergleich zum Fliegen brandgefährlich

GoNews: Sie sind aber nicht ständig mit dem Taschenrechner unterwegs, um lauernde Gefahren zu berechnen?
Hesse: Nein, natürlich nicht. Aber es ist interessant, weil ich oft festgestellt habe, dass Risiken, die wir als sehr gefährlich einschätzen, gar nicht so gefährlich sind. Fliegen zum Beispiel. Für ein Mikromort Risiko muss man 12.000 Kilometer fliegen, aber nur 500 Kilometer Auto, 40 Kilometer Motorrad oder 15 Kilometer Fahrrad fahren. Zwei Gläser Wein sind übrigens genauso gefährlich.

„Der gefährlichste Tag des Lebens ist der unserer Geburt. Derart gefährlich wird es erst wieder mit 100 Jahren.“ Prof. Dr. Christian Hesse, Mathematiker und Risikoforscher
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GoNews: Mit anderen Worten: Wir fürchten uns vor den falschen Dingen.
Hesse: Ja. Das liegt an der Wahrnehmung. Ein Flugzeugunglück kommt selten vor, aber es gibt viele Tote und die Presse berichtet darüber. Ähnlich ist es mit Terroranschlägen. Nach dem Attentat auf den Berliner Weihnachtsmarkt hatten viele Menschen Angst, Opfer einer terroristischen Attacke zu werden. Datenanalytisch betrachtet sterben aber in Deutschland jedes Jahr im Schnitt weniger als zehn Menschen durch Terror, während sich 300 Menschen beim Kauen auf einem Kugelschreiber verschlucken und ersticken.

GoNews: Risiken richtig einzuschätzen, ist auch wichtig für Versicherer. Wenn Kunden Risiken falsch wahrnehmen, wären Mikromort doch ein perfektes Tool für den Vertrieb, oder?
Hesse:
Das kann ich nur empfehlen. Zahlen haben eine Präzision, die gefühltes Wissen nicht hat. Oft ist gefühltes Wissen auch schlichtweg falsch. Nüchterne Zahlen und die sachlichen Fakten, die sie widerspiegeln, eignen sich daher hervorragend, um Risiken auszumachen und einzuordnen.

Mikromort – ein perfektes Tool für Makler

GoNews: Wie sollten Maklerinnen und Makler diese Zahl einsetzen?
Hesse: Es geht darum, Vergleiche herzustellen. Dadurch werden Risiken begreifbar. Jeder weiß, dass Fallschirmspringen gefährlicher ist als Spazierengehen. Wenn ich das mit Zahlen abbilden und einordnen kann, bekommen Kundinnen und Kunden eine Vorstellung, dass einige Risiken gar nicht so hoch sind, wie man denkt, andere, vielleicht eher als gering erachtete Gefahren, dafür aber umso größer.

GoNews: Aber dafür muss man die Risiken auch kennen. Was macht das Leben überhaupt gefährlich?
Hesse:
Es gibt temporäre und nachhaltige Risiken. Das Risiko eines Motorradausfluges ist komplett gebannt, sobald ich die Maschine abgestellt habe. Für solche Risiken gilt: neuer Tag, neues Risikoprofil. Während aber drei Zigaretten das Leben statistisch um 30 Minuten verkürzen – unwiederbringlich.

Jeder Tag ein neues Lebensrisiko

GoNews: Wenn Sie mit 60 Jahren ein tägliches Sterberisiko von 28 Mikromort haben, wie verändert sich dieses Risiko im Laufe des Lebens?
Hesse: Der gefährlichste Tag des Lebens ist der Tag der Geburt. An diesem ersten Tag liegt das Risiko bei 1.300 Mikromort. Derart hoch ist es erst wieder mit 100 Jahren. Das sicherste Lebensalter haben wir in Deutschland mit zehn Jahren und 0,25 Mikromort. Danach verdoppelt sich das Risiko etwa alle sieben Jahre. Mit 31 beträgt es zwei, mit 80 Jahren 210 Mikromort am Tag.

„Bei jährlich 3.000 Verkehrstoten ist die An- und Abreise ins Impfzentrum für viele gefährlicher als die Impfung.“ Prof. Dr. Christian Hesse, Mathematiker und Risikoforscher
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GoNews: Und wenn ich risikofreudig bin, steigt diese Zahl zusätzlich?
Hesse: Ganz genau. Wer sein Lebensrisiko wissen will, rechnet einfach seine persönlichen Mikromort zusammen. Drei Zigaretten: ein Mikromort. Ein Kaiserschnitt: 170 Mikromort. Eine Bypass-OP: 16.000 Mikromort. Den Mount Everest besteigen: 35.000 Mikromort. Als meine Tochter zum Geburtstag einen Fallschirmsprung geschenkt bekam, habe ich das Risiko berechnet: sieben Mikromort. Also konnte sie springen.

GoNews: Aktuell fürchten sich viele Menschen vor Corona. Hat das Virus unser Leben gefährlicher gemacht?
Hesse: Ja, aber das hängt vom Alter ab. Für junge Menschen bis etwa 20 hat eine Infektion in den meisten Fällen keine gravierenden Folgen. Im Alter von 30 bis 35 ist sie in etwa so gefährlich wie eine Grippe, bei den über 80-Jährigen dagegen wie ein akuter Herzinfarkt.

US-Amerikaner hamstern Waffen, die Deutschen Klopapier

GoNews: Dennoch sind viele Menschen skeptisch gegenüber einer Impfung, etwa mit dem Impfstoff von Astrazeneca. Was sagen Sie denen?
Hesse: Angst vor der Impfung muss niemand haben. Obwohl es Einzelfälle gibt, sind tödliche Nebenwirkungen sehr unwahrscheinlich. Bei jährlich 3.000 Verkehrstoten in Deutschland ist für manche Leute die An- und Abreise gefährlicher als die Impfung.

GoNews: Sie sind viel herumgekommen. Fürchten wir Deutschen anders?
Hesse:
Schauen Sie auf die Hamsterkäufe während der ersten Corona-Welle. Die Amerikaner haben Waffen gehamstert und gezeigt, dass sie besorgt waren um ihre Sicherheit. Die Franzosen haben Rotwein gehamstert. Und in Deutschland? Über lange Strecken waren die Regale mit Toilettenpapier leer.

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