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„Viele Inspirationen vom Mars können der Erde zugute kommen“

Mit einem Jahr Verspätung feierte die Gothaer ihren 200. Geburtstag mit einem (virtuellen) Zukunftskongress. Als Rednerin dabei: die Geophysikerin und Fast-Astronautin Dr. Christiane Heinicke, die ein Jahr lang auf einer „Mars-Station“ lebte. Im Interview erzählt sie, was sie über die Zukunft der Menschheit gelernt hat.

Lesedauer: 10 Minuten

e-GoNews: Frau Dr. Heinicke, Sie haben in einer simulierten Raumstation auf Hawaii das Leben auf dem Mars geprobt. Wie hat sich das angefühlt?
Dr. Christiane Heinicke: Es ist eine ziemliche Umstellung. Die Ressourcen sind extrem eingeschränkt. Auf der Erde gibt es gefühlt unbegrenzt Wasser, aber auf dem Mars muss ich mit dem wenigen vorhandenen Wasser sehr sparsam umgehen. Es gab zum Beispiel die Richtlinie, nicht länger als acht Minuten in der Woche zu duschen. Wir haben daraus einen Wettbewerb entwickelt, wer am schnellsten mit dem Duschen fertig ist. Der Sieger schaffte es in 24 Sekunden.

e-GoNews: So viel Zeit zusammen auf so engem Raum. Da sind zwischenmenschliche Konflikte doch vorprogrammiert, oder?
Heinicke: Man ist sehr aufeinander angewiesen. Wenn ich mich zum Beispiel heute mit der Crewärztin zerstreite und mir morgen ein Bein breche, könnte das zu einem Problem führen, wenn ich den Konflikt nicht beigelegt habe. Das gilt natürlich nicht nur bei der Ärztin. Wenn Konflikte oder Probleme auftreten, dann muss ich die so früh wie möglich und so friedlich wie möglich lösen.

Zur Person

Dr. Christiane Heinicke, 34, studierte in Ilmenau und Uppsala Physik. 2016 wurde sie für ein von der NASA finanziertes Projekt ausgewählt, bei dem Wissenschaftler auf Hawaii das Leben auf dem Mars simulierten. Heinicke schrieb darüber das Buch „Leben auf dem Mars“ (Verlag Droemer Knaur, 16,99 Euro). Zurzeit entwickelt sie im Zentrum für angewandte Raumfahrttechnologie und Mikrogravitation der Uni Bremen ein „Habitat“ für den Einsatz außerhalb der Erde.

Simulation unter Extrembedingungen

e-GoNews: Wie haben Sie das Leben in der Isolation erlebt?
Heinicke: Die Entfernung zwischen Erde und Mars beträgt zwischen 50 Millionen und 400 Millionen Kilometer. Wir haben den Extremfall simuliert, also 400 Millionen Kilometer. Bei der Entfernung beträgt die Signallaufzeit etwa 20 Minuten. Das heißt, wenn ich mit jemandem auf der Erde sprechen wollte, konnte ich nicht mal eben zum Telefonhörer greifen, weil ich nach 40 Minuten – 20 hin und 20 zurück – nicht mehr weiß, was ich gesagt habe.

e-GoNews: Die Corona-Pandemie hat viele Menschen in die Isolation gezwungen. Allerdings unfreiwillig. Hat Ihnen die Mars-Erfahrung bei der Bewältigung der Krise geholfen?
Heinicke: Auch für mich ist das natürlich etwas Neues. Die Isolation oder die Quarantänemaßnahmen durch Social Distancing funktionieren für eine gewisse Zeit, aber was sind die Nebeneffekte? Ich finde es zum Beispiel schwierig, mit Menschen zu kommunizieren, die eine Maske tragen. Man sieht nur das halbe Gesicht, viele Gesichtsausdrücke gehen verloren, weil man sie unter der Maske nicht sieht. Wenn man das ein oder zweimal macht, ist das nicht dramatisch, aber über einen längeren Zeitraum verändert sich die Kommunikation. Es verändert sich auch das Zwischenmenschliche und das hat langfristig auch Auswirkungen auf einen selbst.

e-GoNews: Der Zukunftskongress zum 200. Jubiläum der Gothaer im vergangenen Jahr fiel der Pandemie zum Opfer. Jetzt wurde er nachgeholt, Sie waren als Referentin dabei. Glauben Sie, dass Corona unser Leben nachhaltig verändern wird?
Heinicke: Das ist die Frage. Als der Lockdown verkündet wurde, war ich dafür. Wenn man die Ausbreitung der Krankheit verhindern möchte, dann darf man sich schlicht nicht mehr in großen Mengen treffen. Auf der anderen Seite hat sich für viele von uns durch die Maßnahmen das Alltagsleben stark geändert. Die langfristigen Auswirkungen und mögliche Kollateralschäden können wir im Moment noch gar nicht richtig abschätzen. Ich hoffe, dass wir irgendwann einen guten Überblick über die Auswirkungen haben werden und beim nächsten Mal besser reagieren können.

„Konflikte müssen so früh wie möglich gelöst werden.“ Dr. Christiane Heinicke, Astronautin
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Die Frage ist nicht, ob eine Katastrophe passiert, sondern wann

e-GoNews: Sie rechnen also mit einem „nächstes Mal“?
Heinicke: In der Geophysik beschäftigt man sich viel mit Naturkatastrophen. Für uns Geophysiker ist die Frage nicht so sehr ob die nächste größere Katastrophe passiert, sondern wann. Ganz gleich, ob das jetzt ein Asteroideneinschlag, ein Super-Vulkanausbruch oder ein Megabeben ist. Wir Menschen neigen dazu, innerhalb unserer Generation zu denken. Wir haben keinen Super-Vulkanausbruch erlebt, also wird so etwas nicht allzu oft passieren. Wenn ich aber in die Geologie schaue und mir die Sedimentablagerungen ansehe und entdecke mehrere dicke Aschablagerungen, weil vor langer Zeit in 100 Kilometer Entfernung ein Vulkan ausgebrochen ist, dann kann ich mir gut vorstellen, dass es noch mal einen Super-Vulkanausbruch geben wird. Es ist nur die Frage, wann das sein wird und ob wir das erleben. Im Prinzip ist es mit Pandemien auf der Erde das Gleiche. Das hat zwar mit Geophysik nichts zu tun, aber größere Epidemien hat es schon immer gegeben. Es war eine Frage der Zeit, bis es wieder soweit sein würde.

e-GoNews: Leben Sie jetzt anders als vor dem Mars-Experiment?
Heinicke: In mancher Hinsicht ja. Ich bin inzwischen extrem schwer aus der Ruhe zu bringen. Die psychische Belastung während dieser Mission war enorm hoch. Auf dieses Level müsste ich erst mal wieder hochkommen. Das geht nicht so einfach, schließlich hat es sich da über ein ganzes Jahr aufgebaut.

e-GoNews: Welche Lehren konnten Sie für die Zukunft der Menschheit ziehen?
Heinicke: Da ist zum Beispiel das Thema Ressourcen. Ich habe vor einiger Zeit einen Vortrag gehalten und darin ein Foto unserer ersten eigenen Tomatenernte gezeigt. Es waren Minitomaten und jeder hatte eine einzige auf seinem riesengroßen weißen Teller. Es war unsere erste Gemüseernte nach knapp fünf Monaten und sie hat super geschmeckt. Am nächsten Morgen stand ich mit einem Zuhörer am Frühstücksbüfett und sah, wie er sich den Teller voller Essen lud und am Ende die Hälfte davon liegen gelassen hat. Es war auch eine Handvoll Tomaten dabei. Das hat mir wehgetan.

Gespräch als Konfliktlöser

e-GoNews: Wir sprachen eben bereits kurz über Konflikte. Auch die wird es in Zukunft sicher immer geben. Wie sollten wir Konflikte in Zukunft lösen?
Heinicke: Es ist natürlich einfach, pauschal Ratschläge zu geben. Aber wir haben gelernt, Probleme so schnell wie möglich zu lösen. Wenn Emotionen erst hochgekocht sind, ist es viel schwieriger, etwas zu retten. Aber wenn man es rechtzeitig merkt und anspricht, hilft das. Bei uns gab es zum Beispiel das Thema „Kaffeetasse“. Einer aus dem Team hat seine Kaffeebecher immer stehen lassen. Wir haben ihm irgendwann gesagt, dass uns das nervt. Das klingt simpel und trivial. Aber der Punkt ist, dass wir ihm das so rational wie möglich mitgeteilt haben, ohne ihm Vorwürfe zu machen. Es half, dass wir alle das gleiche Ziel hatten. Wir wollten die Mission zusammen durchstehen.

e-GoNews: Also sollten wir bei Problemen einfach viel mehr miteinander reden?
Heinicke: Ja, aber man muss natürlich aufpassen, welche Menschen involviert sind. Wir wurden gezielt danach ausgesucht, dass wir gut mit Konflikten und Stress umgehen können. Es macht einen Riesenunterschied, ob ich mit jemandem zu tun habe, bei dem ich weiß, der ist kompromissbereit oder ob ich mit einem zu tun habe, der einfach nur sein Ego präsentieren will. Aber wenn ich mit Personen zu tun habe, die an einer sachlichen Lösung interessiert sind, dann sollte man so frühzeitig wie möglich miteinander reden. Für viele Konflikte, nicht nur auf politischer, sondern auch auf wirtschaftlicher und wissenschaftlicher Ebene findet sich ganz häufig eine Lösung.

e-GoNews: Wir haben Perry Rodan gelesen und Star Wars gesehen. Für normale Menschen ist eine Mars-Mission Science Fiction. Sie als Wissenschaftlerin, können Sie sich ernsthaft vorstellen, dass Menschen auf einem anderen Planeten leben?
Heinicke: Ich lese gern Andreas Eschbach, der beschäftigt sich auch mit dem Thema. Seine Geschichten führen uns sehr weit in die Zukunft, und er geht davon aus, dass Menschen über mehrere Galaxien verteilt sind. Es gibt Leute, die sagen heute: Zum Mars fliegen geht nicht. Manche sagen, es geht, ist aber schwierig und nicht ganz ungefährlich. Ich denke, dass es in 100 oder 200 Jahren vollkommen normal ist, zum Mars zu fliegen.

„Die psychische Belastung während der Mission ist hoch.“ Dr. Christiane Heinicke, Astronautin
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Bedingungen für den Marsflug

e-GoNews: Also ist ein Flug zum Mars realistisch?
Heinicke: Die meisten Technologien, die man dafür braucht, gibt es in irgendeiner Form bereits. Und die, die uns noch fehlen, sind in der Kategorie „Wir wissen was wir machen müssen, aber es muss getestet werden, ob alles so funktioniert“. Ein großes Thema ist das Wasser. Man könnte den gesamten Vorrat für eine zweieinhalbjährige Mission mitnehmen. Doch es ist wahnsinnig viel und unglaublich teuer. Ein Kilogramm Richtung Mars kostet bis zu 50 000 Euro. Man könnte auch ein schweres Aufbereitungssystem mitnehmen, mit dem eine geringere Menge Wasser immer wieder aufbereitet werden kann. Oder man baut eine Anlage, mit der man Wasser vor Ort gewinnen kann. An solchen Sachen wird geforscht, um eine Mars-Mission günstiger und realistischer zu machen.

e-GoNews: Also alles eine Frage des Geldes?
Heinicke: Das Problem ist nicht die Technik, sondern eher politischer und finanzieller Natur. Aus technischer Sicht wäre eine Station auf dem Mond in fünf bis zehn Jahren machbar, der Mars könnte 10 bis 20 Jahre später folgen.

e-GoNews: Wo wir schon über Geld sprechen. Wofür braucht man ein teures Habitat auf dem Mars? Ist es nicht effizienter, man gibt das Geld für Gesundheits- oder Klimaforschung auf der Erde aus?
Heinicke: Viele haben die Vorstellung, dass das Geld für die Raumfahrt im Orbit verschwindet. Aber tatsächlich ist es so, dass das, was in die Raumfahrt gesteckt wird, zum einen ganz real auf der Erde Arbeitsplätze finanziert und zum anderen viele Entwicklungen hervorbringt, die auch hier auf der Erde gebraucht werden. Zum Beispiel Wasserwiederaufbereitung, Energieversorgung, Energiespeicherung und Kommunikationstechnik. Das sind alles Dinge, die wir auf der Erde auch benötigen. Es ist nicht so, dass wir für den Mars irgendetwas entwickeln, das dann keiner mehr gebrauchen kann. Viele Inspirationen vom Mars können der Erde auch zugutekommen.

e-GoNews: Welche Planeten könnten noch im galaktischen Reisekatalog stehen?
Heinicke: Man könnte über Merkur und Venus nachdenken. Venus ist schwierig, weil die Atmosphäre extrem säurehaltig und es extrem heiß ist. Spannend wäre noch die andere Richtung zu den Jupitermonden. Der Jupiter ist ein Gasplanet. Man kann dort nicht landen, weil es keine feste Oberfläche gibt. Aber einige Jupitermonde, wie zum Beispiel Europa, wären interessant.

„Frauen sind für Flüge zum Mond und Mars besser geeignet.“ Dr. Christiane Heinicke, Astronautin
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Astronautin oder nicht?

e-GoNews: Ihre „Raumstation“ ist in Wahrheit auf Hawaii „gelandet". Fühlen Sie sich eigentlich als Astronautin?
Heinicke: Die technische Definition des Astronauten ist, wenn man in einer Höhe von 100 Kilometern über der Erde gewesen ist. So fühlen wir uns nicht, wir waren auch nicht in Schwerelosigkeit. Von der psychologischen Seite ist es dagegen schon so, dass die Isolation, die wir erfahren haben, vergleichbar ist mit der, die Astronauten auf der Raumstation erleben und die Astronauten auf dem Mars haben werden. Die Gefahren auf dem Mars kann man nicht zu hundert Prozent simulieren, aber es ging bei dem Projekt darum, diese eine psychische Komponente einer Mars-Mission zu simulieren – die Isolation. Und die war sehr real.

e-GoNews: Was macht die Erforschung des Weltraums für Sie so spannend?
Heinicke: Zum einen, dass man den anderen Blick auf die Erde bekommt und sieht, was wirklich wichtig ist. Gerade beim Thema Klimaforschung und dem Schutz unserer dünnen Atmosphäre. Zum anderen natürlich auch die technische Herausforderung.

e-GoNews: Wer ist besser für die Raumfahrt geeignet – Männer oder Frauen?
Heinicke: Frauen natürlich (lacht). Nein. Es gab tatsächlich Argumente, dass für Flüge zum Mond und Mars Frauen besser geeignet seien, weil sie weniger Essen benötigten. Frauen würden tendenziell weniger essen, wären kleiner und leichter. Deshalb müsse auch weniger Masse transportiert werden. Das ist aber sehr einseitig. Aus gruppenpsychologischer Sicht ist es jedenfalls so, dass gemischte Teams am stabilsten und effektivsten sind. So wie in jedem Unternehmen auf der Erde auch.

Schauen Sie sich hier den Zukunftskongress der Gothaer mit Frau Dr. Christiane Heinicke an.

In Teilen erschienen im club! Magazin (Ausgabe Herbst 2020) mit Bildern von Ivo von Renner für AEMEDIA

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