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„Am Ende ist das Leben tödlich – so oder so“

Seit mehr als 20 Jahren beschäftigt sich Dr. Rainer Sachs mit den Risiken des Lebens. Erst für die Versicherungsbranche, jetzt auch weit darüber hinaus. Im Interview erklärt er, warum wir Risiken häufig falsch einschätzen, wie sich unser Leben dadurch verändert und was Versicherer tun können, um damit in Zukunft besser umzugehen.

Lesedauer: 7 Minuten

e-GoNews: Herr Sachs, Sie haben schon vor ein paar Jahren ein weltweites Seuchenszenario mit einem mutierten Grippevirus simuliert und berechnet. Haben Sie die Corona-Krise damals kommen sehen?
Dr. Rainer Sachs: Ehrlich gesagt gibt es die Überlegungen zu Pandemie-Szenarien in der Versicherungswelt schon sehr lange. Wir haben darüber seit der Jahrtausendwende immer wieder nachgedacht. Dass es jetzt so gekommen ist, fühlte sich in erster Linie erschütternd an.

e-GoNews: Warum?
Sachs: Es ist schon etwas anderes, solche Szenarien zu erleben oder einfach nur durchzurechnen. Man nimmt sich die Zahlen und legt los. Das ist eher abstrakt und vor allem distanziert. Und dann wird so ein Szenario plötzlich Realität – und man ist geschockt. Wobei ich auch sagen muss: Gott sei Dank ist es nicht so gekommen, wie wir es simuliert hatten. In unserem Extremszenario sind weltweit zwischen 50 und 100 Millionen Menschen gestorben. Corona hat dagegen mit bisher etwas mehr als 4,5 Millionen deutlich weniger Opfer gefordert; wenngleich natürlich jeder Tote einer zu viel ist.

Risiko Pferd: Reiten ist eine der gefährlichsten Sportarten. Dennoch wird sie von vier Millionen Deutschen betrieben.

Warum viele Entscheider Warnungen nicht hören wollen

e-GoNews: Als Risikoforscher befassen Sie sich ständig mit den Gefahren des Lebens, simulieren Krisen, sprechen Warnungen und Empfehlungen aus. Werden Sie gehört?
Sachs: Zunächst einmal ist es unrealistisch zu glauben, wir könnten alle Gefahren vorhersehen und uns darauf vorbereiten. Darüber hinaus gibt es drei Probleme. Erstens: Wir warnen häufig vor Risiken, die weit in der Zukunft liegen, aber die Maßnahmen, sich davor zu schützen, müssen schon heute eingeleitet werden. Dabei sind die Bedingungen, unter denen wir die Entscheidung treffen müssen, heute ganz andere. Nehmen Sie den Klimawandel: Klar hätte man in dem Bereich schon vor 40 Jahren etwas machen können, sogar müssen. Aber erst heute merken wir unmittelbar, dass es tatsächlich wärmer wird, und handeln.

e-GoNews: Und was sind die Probleme zwei und drei?
Sachs: Zweitens gibt es unter Entscheidern einen starken Anreiz, Warnungen nicht hören zu wollen. Es ist immer noch viel leichter, eine Katastrophe als unvorhersehbare Überraschung zu bezeichnen und sich unvorbereitet irgendwie durchzuwursteln, als eine Warnung zur Kenntnis zu nehmen und verantwortungsvoll mit dieser Information umzugehen. Auch bewusst nicht zu Handeln ist ja immer eine Option. Diese Entscheidung muss ich halt nachher vertreten, auch wenn es schiefgeht. Und drittens ist da das Thema Kosten. Vorbereitung kostet immer Geld oder entgangene Profite – das in Kauf zu nehmen, muss man sich erst einmal trauen. Bei der Schweinegrippe etwa hat der Staat viel Geld in Impfstoff investiert. Am Ende blieb die ganz große Seuche aus und die Regierung wurde für die teure Vorsorge kritisiert. Wenn Sie mich fragen, ist das ein äußerst schwieriges Dilemma.

e-GoNews: Wie kommen Sie überhaupt zu einer Risikoeinschätzung?
Sachs: Mit Zahlen lassen sich Risiken beziffern und darstellen. Versicherungen machen das nicht anders: Sie werten Statistiken aus, leiten daraus Risiken ab und entwickeln anhand der Ergebnisse ihre Produkte. Wenn wir keine Zahlen haben, nutzen wir Menschen unsere Intuition, unser Bauchgefühl. Dabei neigen wir dazu, Risiken systematisch falsch einzuschätzen. Wir überschätzen kleine Gefahren und unterschätzen große. Unsere Wahrnehmung stellt uns immer wieder Fallen.

Zur Person

... Dr. Rainer Sachs, 52, hat mehr als 20 Jahre als Risikomanager in der Versicherungsbranche gearbeitet. Seit 2019 ist er freiberuflicher Risikoforscher und hat mit dem Sachs Institut eine transdisziplinäre Denkfabrik zum besseren Umgang mit Risiko und Unsicherheit in Unternehmen und Gesellschaft gegründet. Sachs hat über Chaostheorie und komplexe Systeme an der Ludwig-Maximilians-Universität und dem Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik promoviert. Er ist Diplomphysiker mit Schwerpunkt Kosmologie.

Die Angst vor Terror ist seit 9/11 in New York größer geworden

e-GoNews: Wie erklärt sich die Diskrepanz zwischen Wahrnehmung und tatsächlicher Gefahr?
Sachs: Das liegt an unserer Vorstellungskraft. Wir schätzen Dinge als gefährlich ein, die wir uns gut vorstellen können, weil wir sie entweder schon erlebt haben oder weil sie in unserem näheren Umfeld passiert sind. Auf der anderen Seite bleibt eine Gefahr für uns abstrakt und weit weg, wenn wir damit noch keine Berührungspunkte hatten. Nehmen wir das Beispiel Corona. Wer Bekannte oder Verwandte hat, die schwer erkrankt oder sogar gestorben sind, wird eine Infektion viel mehr fürchten als jemand, der diese Erfahrung nicht gemacht hat.

e-GoNews: Verändert das auch die Art und Weise, wie wir uns im Alltag verhalten?
Sachs: Absolut. Auch dazu ein einfacher Vergleich: Stellen Sie auf einem Flughafen zwei Gruppen von Menschen, die aufs Boarding warten, zwei unterschiedliche Fragen. Erste Frage: Wieviel Geld würden Sie für eine Lebensversicherung zahlen, die im Falle eines Flugzeugabsturzes 100.000 Euro ausschüttet? Zweite Frage: Was würden Sie für eine Lebensversicherung zahlen, die den gleichen Betrag nur dann auszahlt, wenn das Flugzeug durch ein Terrorattentat abstürzt? Das Ergebnis ist paradoxerweise, dass die zweite Gruppe bereit wäre, eine deutlich höhere Prämie zu zahlen als die erste. Warum? Der Grund ist rein psychologisch, weil wir spätestens seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in New York ein konkretes Bild vor Augen und deshalb eine größere Angst davor haben.

e-GoNews: Wie verändern einschneidende Ereignisse wie diese unsere Wahrnehmung von Gefahr?
Sachs: Natürlich ist die Angst vor Terror größer geworden. Seit der Flutkatastrophe im Ahrtal ist auch die Angst vor Hochwasser gestiegen. Deshalb wäre jetzt auch der beste Zeitpunkt, um Schutzmaßnahmen zu treffen, denn die Akzeptanz für Investitionen ist jetzt am größten. Je weiter das Ereignis zurückliegt, desto größer wird der Verdrängungseffekt. Und irgendwann sind wir wieder bei dem Phänomen, das Psychologinnen und Psychologen unrealistischen Optimismus nennen. Danach glauben Menschen oft, die Realität sei positiver als es in Wahrheit der Fall ist und man selbst ist von negativen Ereignissen nicht betroffen. Das ist grundsätzlich eine gute Haltung im Leben, aber eben nicht ganz richtig.

Menschen schätzen die Gefahr eines Flugzeugabsturzes geringer ein als einen Terroranschlag.

Fehlendes Vertrauen ist ein Problem

e-GoNews: Mit diesem Phänomen haben auch Versicherer zu kämpfen. Eine Folge davon ist häufig eine gefährliche Unterversicherung. Wie überzeugt man Menschen, sich vor den richtigen Risiken angemessen zu schützen?
Sachs: Ein großes Problem ist fehlendes Vertrauen. Damit hat die Branche zu kämpfen, was mir leid tut, weil Versicherungen eine große Kompetenz haben, Risiken zu beurteilen und passende Produkte anzubieten. Mein Gefühl ist: Wenn Versicherung positiver wahrgenommen würden, gelänge auch die Absicherung von Risiken besser.

e-GoNews: Was muss die Branche dafür tun – und was können Beratende konkret machen, um ihre Kundschaft zielgenauer zu beraten?
Sachs: Wir haben jetzt viel über Ängste gesprochen. Das sollten Vermittlerinnen und Vermittler nicht machen. Sicher kann man Kundinnen und Kunden Angst vor Schäden machen und sie so zum Kauf einer Police überreden. Eine langfristige Strategie ist das aber nicht. Vielmehr sollten sie die positiven Aspekte einer Versicherung in den Vordergrund stellen. Also nicht: Welches Risiko vermeide ich. Sondern lieber: Was gewinne ich dadurch an Chancen, an Möglichkeiten, an Lebensqualität.

Ein Angsthase zu sein, ist gut für Risikomanagement

e-GoNews: Wie ist eigentlich Ihr persönliches Verhältnis zu Risiken?
Sachs: Als Risikomanager bin ich eigentlich ein professioneller Angsthase. Weil ich mir viele Szenarien sehr gut vorstellen kann und damit auch viel Zeit verbringe, muss ich mir immer wieder bewusst machen, dass das Unerwartete nicht nur aus den negativen Risiken, sondern auch aus den positiven Möglichkeiten besteht. Es kommt eben auch auf die Perspektive an. Ganz oft sind es nicht die Gefahren als solche, die das Leben schwer machen, sondern der Umgang mit ihnen. Und das wirklich Gefährliche wäre, aus Angst vor Gefahren das Leben nicht richtig zu leben. Denn am Ende ist das Leben tödlich – so oder so.

Erfolgsgeheimnis Angsthase: Wer die Risiken des Lebens kennt, kann besser mit ihnen umgehen

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